Andrej Kurkows neuesten Roman sah ich auf dem Arbeitstischchen der Inspizientin im Dresdner Staatstheater liegen, kurz bevor sie mich auf die Bühne schickte.

Wie das Buch denn so sei, fragte ich noch schnell.

Sie wisse es nicht, sagte die Kollegin, sie sei ganz am Anfang.

Am nächsten Tag machte ich einen Spaziergang durch die Dresdner Neustadt, sah das Buch in einem Laden und kaufte es.

Es ist wunderbar.

Kurkow kannte ich nicht, Schande auf mein Haupt. Er ist der bekannteste lebende Schriftsteller der Ukraine, wurde in St. Petersburg geboren, lebt seit seiner Kindheit in Kiew, schreibt auf Russisch, ist Präsident des PEN Clubs der Ukraine. Er gehört also zum russischsprachigen Teil der ukrainischen Bevölkerung. Und er ist ein scharfer Gegner des Mörders Putin.

Graue Bienen ist in der Originalausgabe 2018 erschienen. Seine Hauptfigur ist der Frührentner Sergej Sergejitsch, der in einem Dorf in der sogenannten Grauen Zone im Donbass lebt, zwischen den Fronten der russischen Separatisten und der ukrainischen Verteidiger. Fast alle Einwohner haben das Dorf verlassen, nur Sergej lebt noch hier und Paschka, sein Freundfeind aus Schulzeiten, den er nicht leiden kann, mit dem er sich aber dennoch arrangiert hat, sich ja auch arrangieren musste. Ab und zu schlagen Raketen ein, ein Scharfschütze wird von einer Mine zerrissen, auf einem Acker liegt ein Toter, dessen Leichnam niemand birgt. Es gibt keinen Laden mehr, Strom nur manchmal. Sergejs Frau hat ihn samt der Tochter verlassen. Dennoch ist Sergej nicht unzufrieden oder verbittert. Er lebt sein Leben so dahin und freut sich im Winter auf das Frühjahr, in dem die Bienen aus den sechs Stöcken, die er besitzt, ausfliegen werden.

Als dieser Frühling dann beginnt, hält er es aber nicht mehr aus. Er lädt die Bienen auf den Anhänger seines Schiguli, fährt los, landet im Donbass, lässt sie fliegen, dieses friedliche, arbeitsame, produktive und gut organisierte Volk, lernt eine Frau kennen, muss die Gegend aber verlassen, weil …

Egal, lesen Sie selbst.

Er landet schließlich auf der Krim, wo … Lesen Sie, wenn Sie etwas wissen wollen über die Ukraine, die Menschen, die dort leben, ihren Alltag, ihre Feinde, ihre Gefühle, ihre Schicksale. Und über den großen Autor Kurkow.

Lesen Sie, bitte!

Andrej Kurkow, Graue Bienen. Aus dem Russischen von Johanna Marx und Sabine Grebing. Diogenes. 13 Euro