Annie Ernaux war mir bis vor Kurzem kein Begriff, was einerseits beschämend ist, denn sie gehört zu den bedeutendsten französischen Autorinnen unserer Zeit. 

Andererseits ist es auch nicht so schlimm, weil ich Bücher ja nicht aus bildungsbürgerlichen Gründen lese oder um auf der Höhe der Zeit zu sein. Sondern ich lese sie, weil sie mir vielleicht etwas bedeuten, mein Leben und Denken beeinflussen könnten. (Und natürlich zur Entspannung, aber das ist ein anderes Thema.) Und dann ist es eigentlich nie zu spät, eine Autorin kennenzulernen.  

Von Annie Ernaux jedenfalls hatte ich im Newsletter Der siebte Tag des geschätzten Kollegen Nils Minkmar gelesen: in Frankreich sei ein neues Buch von ihr erschienen, dass man unbedingt lesen sollte. Aber da dieses Werk erst im Oktober auf deutsch erscheinen wird, beschloss ich, mir zunächst einmal Ernaux‘ bisher bedeutendstes Werk zu kaufen, und das sind nun einmal nach allgemeinem Urteil Die Jahre, erschienen 2008 in Frankreich und erst 2017 in Deutschland. (Aha, ich bin also nicht allein mit dem Hinterherdackeln, auch die Verlage sind es.) 

Die Jahre ist ein autobiographisches Buch. Und was allgemein daran – zu Recht – gerühmt wird, ist, dass es eine neue Form autobiographischen Erzählens begründete (na ja, wenn’s jemand­ ­nachmachen würde) oder jedenfalls darstellt: eine Form, in der nicht vom „Ich“ die Rede ist, sondern in der die Erzählerin von sich selbst in der dritten Person spricht, von „Man“, und in der sie von ihrem eigenen Leben nicht „vor dem Hintergrund“ des Zeitgeschehens berichtet, sondern es quasi als dessen Bestandteil darstellt. Private Erinnerungen werden so eine gesellschaftliche Erzählung, und das Ich ist nicht so sehr der Motor des eigenen Lebens (wie in vielen anderen und nach der Lektüre dieses Buches bisweilen banal erscheinenden Autobiographien). Sondern ein Teil dessen, was man das Große und Ganze nennen könnte, wenn man wollte. 

Ernaux ist Jahrgang 1940, man liest also von der Algerienkrise, von de Gaulle und den 68ern in Frankreich, von Mitterrand und Sarkozy, man versteht Frankreich ein bisschen besser, aber darum geht es eigentlich nicht. Viel wichtiger ist die Methode des Erzählens, die andauernde Reflektion, das Innehalten, Zaudern, Noch-einmal-Betrachten, das Anschauen der Fotografien des eigenen Lebens, der Momente: „das Licht einzufangen, das auf jetzt unsichtbare Gesichter fällt, auf Tischdecken mit verschwundenem Essen, ein Licht, das schon in den Erzählungen ihrer Kindheit da gewesen war, bei den sonntäglichen Familienessen, und das sich seither auf alles gelegt hat, was sie erlebte, ein früheres Licht“.  

Das ist diese Autobiographie: nicht das Nacherzählen und die Erklärung oder Verklärung eines Lebens, sondern die Suche nach der großen Welt, den Träumen einer Zeit, den Gefühlen der Vergangenheit in einem einzelnen Menschen.

Annie Ernaux, Die Jahre. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Suhrkamp Taschenbuch. 11 Euro­