Wofür stehst Du?

Was in unserem Leben wichtig ist – eine Suche

Vor fast dreißig Jahren erschien in der Wohnung, in der meine Frau und ich lebten, ein junger Mann mit seiner Freundin. Wir aßen und tranken und mochten uns von Anfang an. Daraus wurde eine Freundschaft. Sie ist uns bis heute geblieben (die beiden Frauen hingegen nicht). In den Jahrzehnten seither haben Giovanni di Lorenzo und ich vieles besprochen: Trennungen, Erfolge, Ängste, Fluchten, Kinderwünsche, Leidenschaften, Todesfälle in der Familie. Einmal haben wir uns gemeinsam in einer Bürgerinitiative gegen Rechtsextremismus  engagiert, aber ein Thema haben wir immer sorgsam ausgespart, vielleicht müsste man eher sagen: nie in Worte gefasst, denn es ist ja aus allen anderen Lebenserfahrungen kaum herauszuhalten. Wir haben nie darüber gesprochen, an welche Werte wir glauben und für welche Werte wir einstehen würden.

Das haben wir nachgeholt und ein Buch darüber geschrieben, nicht einen abstrakten Katalog der Tugenden, sondern eine Art Selbstbefragung, eine Inventur unserer beider Leben: Was haben wir erlebt? Was regt uns noch auf? Wo haben wir uns davongestohlen? Wann belügen wir uns?

Die Antworten haben wir in den großen Themenfeldern Politik und Staat, Klimawandel, Gerechtigkeit, Migration und Fremdheit, Familie und Erziehung, Angst und Depression gesucht. Entstanden ist, tja, wie fasst man das zusammen? Vielleicht am besten so: ein Plädoyer gegen die große Gleichgültigkeit unserer Zeit.

Das Buch ist 2010 erschienen, und als wir es fertig geschrieben hatten, war ich sehr traurig, denn das Schönste daran war für mich: die gemeinsame Arbeit. Andererseits stand es sehr viele Monate lang ununterbrochen in der Bestsellerliste, das macht einen wie mich sehr zufrieden, und das Größte war, wie ich fand: Im April 2011 waren wir es, die Thilo Sarrazin auf Platz eins im Spiegel ablösten.

Wer noch ein bisschen mehr über das Buch lesen will: Hier findet sich ein großes Interview mit Giovanni di Lorenzo und mir in der FAZ, und hier noch eines nur mit mir im Berliner Tagesspiegel.