Seit Jahrzehnten hat meine Familie eine kleine Wohnung in einem uralten Tiroler Bergbauernhof. Wir nutzen sie vor allem, um von dort aus zum Skifahren zu gehen. Und natürlich sind wir der Familie der Bauern sehr verbunden.

Vor kurzem hat mir die junge Bäuerin ein Buch gegeben, das eigentlich ihrem Mann gehört. Aber der komme mal wieder nicht zum Lesen, sagte sie. Und mich würde es ja vielleicht auch interessieren.

Und ob es mich interessierte! Ich las es noch am selben Tag durch, denn ich hatte ja Zeit. Das Wetter war zu schlecht zum Skifahren, und sowieso schmerzte mein linkes Knie.

Außerdem ist Bauer und Bobo einfach sehr spannend, glänzend geschrieben, hervorragend recherchiert, dafür bürgt der Name des Autors: Florian Klenk ist Chefredakteur des Falter in Wien. Und das Thema interessiert mich nun mal, seit ich als Kind meine Sommerferien Jahr für Jahr auf dem Hof meines Onkels in Westfalen verbrachte und später in Oberbayern lange auf dem Land lebte. Und eben wegen des Tiroler Hofs, in dem sich unsere Wohnung befindet.

Was ist das Thema?

Es geht, im Kern, um das prekäre und manchmal ausweglose Leben der Bergbauern und um die Ursachen dafür: die Klimaveränderungen, die Ruchlosigkeit der Banken, die Bauern geplant in den Ruin treiben, um dann von der Vermarktung ihrer Immobilien zu profitieren, die oft sinnlosen und nur den Falschen nützenden EU-Subventionen.

Klenk kann davon unter anderem deshalb so spannend erzählen, weil er anfangs auch nicht so rasend viel von der Sache verstand, sich dann aber hineingrub in das Problem. Er hatte sich in einer Talkshow, in der es um den Fall einer Touristin ging, die von der Kuh eines Bergbauern getötet worden war, dergestalt geäußert, dass er dem Bauern die Schuld an dem Todesfall gab. Worüber wiederum der Landwirt Christian Bachler so in Rage geriet, dass er in einem Internetvideo gegen Klenk tobte. Das wiederum veranlasste den Journalisten, den Kontakt zu Bachler zu suchen, ihn zu besuchen und auf seinem Hof ein Praktikum zu machen. Woraus dann letztlich vertiefte Kenntnis der Sachverhalte und des prekären Bauernlebens wurde – und übrigens eine Freundschaft, über die Klenk auch schreibt. Denn er rettete am Schluss durch eine Spendenaktion dem Bauern Bachler die Existenz.

Schon aus diesem Grunde ist das Buch kein beliebiges journalistisches Produkt, sondern eine Geschichte voller Teilnahme, Erleben, Polemik, Verzweiflung, Begeisterung, Neugier, Lösungen, Ideen, Einblicke in ganz und gar Unbekanntes und auch zu oft Unausgesprochenes. Deshalb ist das Bauer und Bobo auch ein Beitrag zur Frage, wie man die vielbeschworenen Spaltungen einer Gesellschaft überwinden kann: durch interessiertes Gespräch, nicht durch immer neue Wut.

Florian Klenk, Bauer und Bobo. Zsolnay. 20 Euro