Wozu wir da sind. Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben

 

Ich solle in meiner Rede etwas über das gelungene Leben sagen, haben sie mir gesagt, das gelungene Leben. Die Freundin, um die es geht, wird achtzig, jedoch strahlt sie eine schwer zu beschreibende Frische aus, ach, Unsinn, was soll an Frische schon schwer zu beschreiben sein, Frische ist Frische, nicht wahr? Und ich rede von Neugier, Interessiertheit, Freundlichkeit, Wohlwollen, auch Spannkraft. Keine Rede von Arztbesuchen und neuen Hüften, kein Jammern, kein Klagen, drei Kinder, sieben Enkel, und in der Einladung steht: »Ihr glaubt es nicht, ich glaube es auch nicht, aber es ist die Wahrheit: Ich werde achtzig. Bitte feiert mit mir ein langes schönes Leben!«

Sie hört auch gut.

Ein paar Worte, haben sie zu mir gesagt, nur ein paar Worte, das sagen sie ja immer, das machst du doch mit links, das sagen sie auch immer, ein bisschen Nachdenkliches: wie ein Leben gelingen kann. Nur einige Minuten, länger nicht.

Bin ich Aristoteles?, habe ich geantwortet.

Gelungenes Leben.

Wenn ich das wüsste.

 

Ich war jetzt gerade beim Zeitungshändler, wie jeden Morgen, da ist mir eingefallen, dass ich in dreißig Jahren in dieser Straße drei Zeitungshändler erlebt habe.

Aber was heißt schon erlebt, wenn es um deinen Zeitungshändler geht?

Einer, der erste, hatte immer große Angst, überfallen zu werden, wieder und wieder erzählte er mir von Überfällen, die aber ganz woanders gewesen waren, nie bei ihm, nicht mal in der Nähe. Eines Tages zog er seine Tresenschublade auf und zeigte mir den Revolver, mit dem er sich wehren wollte, wenn es jemals so weit käme.

»Mit mir machen die das nicht!«, sagte er mit vibrierender Stimme. »Mit mir nicht!« Aber man hörte schon am Zittern seiner Worte im Raum, dass es damit schwierig werden würde, denn wenn seine Hand an jenem Tage genauso unruhig wäre wie seine Art, jetzt zu reden …

»Machen Sie sich nicht unglücklich!«, sagte ich. »Die paar Scheine, die bei Ihnen zu holen sind, wären es nicht wert, jemanden zu erschießen.«

»Es geht ums Prinzip«, antwortete er.

»Das ist immer schlecht«, sagte ich. »Prinzip? Immer schlecht.«

Eines Tages wurde er dann tatsächlich überfallen, zwei Mann zugleich, einer stand direkt vor ihm, der andere bewachte die Tür. Der Zeitungsmann zog die Schublade auf, um an die Pistole zu kommen, aber in dem Augenblick, in dem er das tat (und er tat es ja, wie ich mir vor- stelle, auch noch sehr zögernd, ihm stand die Überlegung, was er denn machen solle, o Gott!, soll ich wirklich dem Räuber in die Brust schießen oder lieber in den Kopf, und gibt das nicht eine ekelerregende Blutgehirnmassesauerei hier in meinem schönen sauberen Geschäft?, dieser Gedanke also stand ihm quasi in Flammenschrift auf die Stirn geschrieben), in diesem Moment jedenfalls langte der Räuber blitzschnell über den Tresen und schnappte sich die Waffe, hielt sie dem am ganzen Leib zitternden Händler unter die Nase, verlangte das Geld und bekam es.

Viel war’s nicht.

Dann waren die beiden weg.

Die Pistole auch.

Der Ladenbesitzer irgendwann bald ebenfalls.

Er verkraftete das alles nicht.

Keine Ahnung, wo der jetzt steckt.

 

Verkraften.

Arbeiten und verarbeiten, wursten und verwursten, schwinden und verschwinden – aber kraften und verkraften …? Haben Sie schon mal ein Wort namens kraften gehört? Ich kraftete, du kraftetest, er kraftete …?

Andererseits haben wir kein Verb namens armen, aber es gibt verarmen. Und ich könnte Ihnen etwas reichen, aber verreichen, nein.

Na, das nur nebenbei.

Vielleicht sollte ich über das verkraftete Leben reden?

Ich mache das ja normalerweise nicht, Geburtstagsreden, wissen Sie. Mein Metier sind Nachrufe, also, wenn die Sache wirklich gelaufen ist, dann bin ich dran. Das ist mein Beruf, ob Sie’s glauben oder nicht. Die Zeitung hat das vor mehr als dreißig Jahren eingeführt, eine eigene Seite nur für die Toten und für mich, einmal die Woche, aber nicht nur für die berühmten Toten jetzt, die schon auch, einerseits; andererseits aber eben für die ganz normalen Menschen, Sie und irgendwann auch mich.

 

Die Toten der Woche.

So heißt die Seite. Jeden Samstag im Blatt.

Von Walter Wemut.

So heiße ich. Jeden Samstag im Blatt.

 

Denn der Witz ist: Alle Nachrufe werden von demselben Autor geschrieben, also von mir. Deswegen mache ich zum Beispiel kaum Urlaub, der Tod kennt keine freien Tage. Das ist aber nur einer der Gründe, der andere – ach, dazu vielleicht später.

Ich bin sozusagen der publizistische Totengräber der Zeitung. Ich bin gewöhnt, das Leben von seinem Ende her zu sehen. Vielleicht hat sich deswegen auch etwas in mir gesperrt gegen diese Rede. Ich bin so was schon öfter gefragt worden, aber dann habe ich immer gedacht: Die Jubilare bekommen vielleicht das Gefühl, ich trage hier schon mal ihren Nachruf vor.

Also habe ich immer abgesagt.

Diesmal nicht.

Warum nicht?

Also: Warum halte ich diese Rede jetzt doch, demnächst?

 

Aus: Wozu wir da sind. Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben, Verlag Antje Kunstmann 2019