Über Fußballernamen

Was mich immer wieder beschäftigt: die Poesie von Fußballernamen. Ich war ein kleiner Junge in Zeiten, in denen es Trainer gab, die Kuno Klötzer hießen, und Spieler namens Pirrung oder Bleidick. »Brozulat, der Einbein-Dribbler mit Schlepperqualitäten, wird niemals die Zange sein, die gebraucht wird«, hat mal ein Radioreporter gerufen, der Schriftsteller Ror Wolf hielt den Satz für immer fest.

Interessante Namen, das gibt es ja überall im Leben. Aber in den Bundesligen hatten wir schon Spieler wie Anfang und Endler, Scharping und Schröder, Nulle und Nicht, Ernst und Scherz, ja sogar Dedé und Lala sowie einen, der hieß Darlington Omodiagbe. Der spielte in Duisburg, Hannover, Gütersloh, Unterhaching, Osnabrück, Jena, Ahlen und Burghausen (übrigens stieg er mit sechs dieser Vereine jeweils ab, keiner schaffte das vor ihm), aber auch für Piotrcovia Piotrków, SSR Rzgow, LKS Lodz und Iwuanyanwu Owerri. Und nirgendwo sonst haben wir dieses Namensgemisch und dessen unverwechselbaren Sound. Gündogan zu Błaszczykowski, Błaszczykowski wieder zu Gündogan, der schickt Schieber, der sollte schießen, schießt auch, aber daaa iiist Beeenaaagliooo…

So geht das immerzu.

Das ist der Sound des Fußballs, wie nichts auf der Welt klingt der Fußball nach den Namen seiner Spieler.

Und es ist ein Durcheinander, das ich immer wieder gern sortiere.

Eine Zeit lang habe ich mir einen Spaß daraus gemacht, aus dem Bundesliga-Heft des Kicker Mannschaften nach Namen zusammenzustellen, 1997 fing das an, denn ich dachte, warum immer dieses langweilige Team-Building nach Leistung, Geld, Taktik, Vereinszugehörigkeit? Warum nicht mal was ganz Neues: Reck, Reeb, Reis, Reich, Reina, Reinke, Ramzy, Röver, Riedl, Ritter, Ricken. Da rrrollt das rrrunde Lederrr. Auf der Bank: Rraklli, Radlspeck und Radschuweit, daneben Trainer Rehhagel.

In der Saison 2003/2004 schuf ich dann eine Truppe, die ich »Alptraum der Radioreporter« nannte: Zkitischwili, Ogungbure, Grlić, Mbwando, Younga-Mouhani, Tsoumou-Madza, Schindzielorz, El-Akchaoui, Krzynówek, Djordjevic, Ouédraogo.

Wobei in derselben Saison auch »Reporters Lieblinge« hätten spielen können: Butt, Edú, Cha, Timm, Şen, Addo, Kehl, Chris, Schur, Max, Haas.

Oder hier, die Elf »Komische Namen«, auch aus jenen Jahren: Vollborn, Ballwanz, Breitkreutz, Dickhaut, Popowitsch, Gansauge, Hutwelker, Mäkelmann, Wüllbier, Feinbier, Tattermusch. Leider verletzt: Lahm, Hinkel, Husterer, Wimmer und Wehlage.

Apropos Wimmer, Wehlage: In der Saison 2012/13 eröffnete sich mal die wunderbare Gelegenheit, aus Spielern der drei Bundesligen die Elf »Medizinische Abteilung« zusammenzustellen: Kotzke, Kastrati, Leberfinger, Hartherz, Tausendpfund, Huszti, Karius, Krebs, Kratz, Kiefer, Großkreutz. Der Trainer hieß Oral und kam aus Ingolstadt.

Dann noch dies, die Mannschaft »Raus in die Natur«: Wiese, Baum, Holz, Berg, Kirschbaum, Grün, Förster, Bach, Sommer, Blume, Schnatterer.

Und jetzt noch gleich eine meiner Lieblingstruppen, »Gestern im Zoo« nenne ich sie: Adler, Ochs, Wolf, Strauß, Hahn, Fink, Geyer, Löwe, Fuchs, Robben, Schimmel, auf der Bank Vogler, von der Bracke, Krebs und Haas. Trainer ist Schaaf. Oder meinetwegen Wolf. Oder, wenn der entlassen wird: Fink.

Und, was auch geht: Morsen mit Fußballernamen, kurzen wie Cha oder Bum und langen wie Omodiagbe oder Schweinsteiger. Mein Vorname »Axel« zum Beispiel wird gemorst mit: kurz lang – lang kurz kurz lang – kurz – kurz lang kurz kurz, das ist auf Fußballerisch und in der Saison 2012/13: Bah Feisthammel – Füllkrug Koo Edu Abdellaoue – Sam – Dost Kuzmanović Pukki Russ.

Anhand von Mannschaftsaufstellungen kann man so Geschichte schreiben, auch Sozialgeschichte. Nur ein Beispiel: Als Schalke, der Klub der (oft aus Polen stammenden) Bergleute, 1939 deutscher Meister wurde, standen auf dem Platz: Klodt, Bornemann, Schweisfurth, Gellesch, Tibulski, Berg, Eppenhoff, Kalwitzki, Urban, Kuzorra, Szepan. Hier nun elf Namen aus dem Schalker Aufgebot für die Saison 2007/2008: Krstajić, Rafinha, Rodriguez, Azaouagh, Bajramović, Kobiashvili, Özil, Varela, Altintop, Asamoah, Kurányi.

So ist das nicht nur bei Schalke, so ist das auch bei der Nationalmannschaft: von Maier und Müller, Beckenbauer und Schwarzenbeck 1974 zu Özil, Boateng, Khedira, Gündogan und Gomez 2013.

Immer werden Mannschaften Spiegel ihrer Zeit sein, in ihrer Zusammensetzung, ihrer Spielweise, ihrem Aufbau. Und ist es nicht interessant zu sehen: Wir haben heute eine deutsche Mannschaft, die zum erheblichen Teil aus Kindern von Migranten besteht, dazu insgesamt aus Männern, die jederzeit in einer der großen europäischen Ligen spielen könnten und ja auch spielen, aus in der Regel mehrsprachigen und polyglotten jungen Unternehmern, die ihre eigene Karriere immer im Blick haben. Und genau mit diesen jungen Leuten, die so eigenständig und weltgewandt sind, wie Fußballer noch nie eigenständig und weltgewandt waren, genau mit ihnen also wird Fußball in einer Weise als Spiel einer Mannschaft interpretiert, wie es auch noch nie in der Geschichte der Fall war, unglaublich schnell, systematisch, durchdacht, intensiv, kooperativ: ein dichtes, flexibles Netz aus Özils und Khediras, Lahms und Hummels, Kroos’ und Müllers.

Würde man mich nachts um drei wecken und fragen, wer zur Mannschaft Eintracht Braunschweigs, des Klubs meiner Heimatstadt, gehörte, als er 1967 Meister wurde – ich legte sofort los: Wolter, Bäse, Dulz, Moll, Kaack, Ulsaß, Meyer, Maas, Saborowski, Schmidt, Gerwien, na ja, einige habe ich schon erwähnt, glaube ich, auch die Ersatzleute Jäcker, Brase, Matz und Grzyb?

Und könnte ich dann nicht mehr einschlafen, würde ich, wie ich es so oft tue, wenn ich nicht mehr einschlafen kann, die Namen der Spieler von der Elfenbeinküste bei der Weltmeisterschaft 2006 vor mich hin murmeln: Arouna Koné, Bakary Koné, Emerse Faé, Kolo Touré, Yaya Touré, Siaka Tiéné, Abdoulayé Méïté, Emmanuel Eboué …

Aus: Fußballgefühle, Verlag Antje Kunstmann 2014.