Der Pinguin

Vor Abermillionen Jahren gab es einen Pinguin, Pachydyptes ponderosus, der war 1,60 Meter groß und hundert Kilogramm schwer – »zu klein, um Basketball zu spielen, aber schwer genug für American Football«, wie der Paläontologe Simpson gesagt hat. Leider ist P. ponderosus vor der Erfindung Amerikas ausgestorben, und mit dem Football wurde es nichts.

Die heutigen Pinguine, die höchstens 1,15 Meter groß werden und manchmal bloß vierzig Zentimeter, stehen ratlos auf Eisschollen herum und wissen nicht, was sie machen sollen, zu klein und zu leicht nun auch für Football. (Manchmal sieht man sie Anlauf nehmen, die rechte Schulter nach vorne drücken und eine Möwe umrennen oder eine Robbe rammen. Dann bleiben sie wieder stehen und wissen nicht, wie es weitergehen soll mit ihrer Sehnsucht nach Ballspielen. Übrigens gibt es in Nordamerika eine Mannschaft, die Pittsburgh Penguins heißt. Sie spielt aber Eishockey, und außerdem heißt sie bloß so. Es sind Menschen.)

Irgendwie wird man bei der Betrachtung von Pinguinen nie das Gefühl los, sie warteten auf etwas oder hätten einen großen Wunsch und trauten sich nicht, ihn auszusprechen. Sagen wir es so: Pinguine wirken, als hätten sie unheimlich gerne richtige Arme, wie wir, mit Händen dran. Nicht bloß Flügelreste.

Uns geht die Geschichte vom Tierwärter im Kopf herum, der für die Pinguine im Zoo zuständig war. Immer wenn er zu ihnen kam, drehten sich alle um. Für den Mann war das traurig, aber erklärlich ist es. Sie können einfach seine Arme nicht ansehen und die kräftigen Wärterhände. Wahrscheinlich hat ihnen der liebe Gott das alles bei der Schöpfung auch versprochen. Dann hat er die Sache vergessen, und nun stehen sie da und hoffen, dass er sich doch noch erinnert.

Für eine der größten Schweinereien, die man je mit Pinguinen veranstaltet hat, ist übrigens die britische Royal Air Force verantwortlich. Ihre Jets flogen auf den Falklands immer am Strand entlang, wo Tausende von Pinguinen stehen. Komischerweise berichtete ausgerechnet die Südwest Presse in Ulm, einer eher pinguinarmen Gegend, darüber ausführlich: »Erst fliegen die Piloten nach rechts, und die Pinguine schauen nach rechts, dann wieder nach links, und die Pinguine schauen nach links. Nach einigem Hin und Her schwenken die Flugzeuge aufs Meer hinaus und fliegen dann direkt über die Pinguine ins Land. Die neugierigen Vögel verrenken dabei den Hals so weit nach hinten, bis sie das Gleichgewicht verlieren und auf den Rücken fallen. Wer von den Piloten am meisten Pinguine umgeschmissen hat, ist Sieger.« Diese Gemeinheit werden wir der Air Force nie vergessen!

Klar ist aber: Hätten die Pinguine Hände, könnte so was nicht passieren. Sie hätten die Möglichkeit, sich festzuhalten oder beim Fallen abzustützen, genauso wie sie sich kratzen könnten, ohne dauernd umzukippen. Sie könnten mal dem Seeleoparden, der sie zu fressen versucht, eins aufs Maul hauen, und dem Riesensturmvogel, der ihre Kükenkolonien bedroht, an den Füßen aus der Luft zerren und zerzausen. Sie könnten sich umziehen und müssten nicht immerzu Frack tragen, das ganze Leben denselben Frack. Sie würden ja gerne mal nackt baden. Aber es geht nicht.

Doch vor allem: Sie könnten sich umarmen! Pinguine haben einen zehn Mal besseren cw-Wert als ein Sportwagen, sie schwimmen sieben Mal schneller als ein Mensch, sie haben den Strömungswiderstand eines Fünfmarkstücks – aber nie können sie ihrer Frau den Nacken kraulen, nie die Arme um ihren Körper schlingen, nie die Geliebte an sich ziehen. Im Zoo sehen sie Menschen, die mit ihren Händen die wunderbarsten Dinge tun, und sie stellen sich vor, wie auch sie ihre Handflächen über das Federkleid einer Pinguinin schweifen lassen würden oder wie unter ihren geschickten Fingern das aufgeknöpfte weiße Hemd eines Pinguinerichs zu Boden sänke. Schauen an sich herunter und sehen Schwimmstummel. Ihre Trauer ist namenlos.

»Pinguine haben es bei der Liebe schwerer als andere Vögel«, schreibt Rory Wilson in dem vorzüglichen Werk über Die Welt der Pinguine, das er zusammen mit Boris Culik verfasst hat. »Ihre Körper sind flaschenförmig, und jeder, der schon einmal versucht hat, zwei Flaschen aufeinanderzulegen, weiß, was ich meine… Eine falsche Bewegung, und das Männchen stürzt ab.« Sex ist für sie bloß ein Balanceakt und dauert wenige Sekunden, denn sie haben nichts, womit sie sich länger aneinander festhalten könnten.

Hände, o Herr! Gib ihnen Hände.

Aus: Hackes Tierleben, Verlag Antje Kunstmann, Neuausgabe 2018.