In München gibt es eine Krimi-Buchhandlung namens Glatteis. Die betrat ich mit dem dringenden Wunsch, quasi auf der Stelle – noch am selben Abend jedenfalls – einen Krimi zu lesen.

Warum hatte ich dieses Bedürfnis? Warum lese ich überhaupt Krimis?

Ich antworte: zur Entspannung, Zerstreuung, Ablenkung. Das ist nun seltsam, dass man aus solchen Motiven heraus Mordgeschichten liest. Andererseits geht es wohl den meisten Krimi-Lesern so. Die Abfolge von Mord, Ermittlung und endlicher Lösung des Falles hat etwas Beruhigendes, das erklärt ja wohl überhaupt den Erfolg von Krimi-Geschichten in dieser seit Jahrzehnten zutiefst beunruhigten Gesellschaft – und eben auch bei mir.

Denn ich lese viele Krimis. Deshalb kenne ich auch viele. Aber ich bin anspruchsvoll, mein Lieblingsautor ist Simenon, da gibt man sich nicht mit x-beliebigen Regionalkrimis à la Der Würger von Bad Schwürbelbach zufrieden.

Vor mir im Glatteis-Regal: die Hunkeler-Romane von Hansjörg Schneider. Keinen einzigen von denen hatte ich bisher gelesen, eigentlich auch nichts von ihnen gehört, obwohl es sie schon lange gibt und sie auch verfilmt wurden. Was mir aber auch entgangen war, denn ich sehe eigentlich nie fern.

Schneider ist ein Baseler Autor, schon mehr als achtzig Jahre alt, berühmt auch wegen seiner Theaterstücke. Hunkeler, sein Geschöpf, ist ein Baseler Kommissär, wie die Schweizer sagen, besser: Er war einer in Schneiders ersten Büchern. Nun – in den neueren Bänden – ist er alt und pensioniert. Trotzdem trifft er offenbar immer wieder auf Leichen, Morde, Täter, er kann sich sozusagen der eigenen Vergangenheit nicht entziehen, und irgendwie will er das auch gar nicht. Trotzdem beherrschen die Geschichten sein Leben nicht komplett, er isst und trinkt weiterhin gut an diversen Stammtischen und in Baseler Cafés, sitzt gerne in seinem Haus im Elsass, arbeitet dort im Garten, freut sich an seiner späten Liebe zur Gefährtin Hedwig.

Ich nahm eines der Bücher aus dem Regal und las auf der Rückseite ein Zitat aus einer Rezension in der Welt. „Der Ton ist herbstlich“, stand da. „Aber es ist ein ziemlich goldener Herbst. Gelassener floss noch kein Hunkeler dahin.“ 

Das war’s. Gelassenes Erzählen. Dahinfließen. Ich griff zu. „Eine gute Wahl“, sagte die Buchhändlerin. „Warum?“, fragte ich. Ach, sie möge den Mann einfach, den Hunkeler.

Noch am selben Abend las ich. Und ich war nicht enttäuscht. Ich mochte diesen ruhigen Ton, dieses Verweilen auf Spaziergängen, diese Ausflüge in Landgasthöfe zu einem Glas roten Ötlingers, „ein fast feierliche Bedächtigkeit und Ruhe, nur hin und wieder von den Schlägen einer Wanduhr unterbrochen“. Die Blicke vom Küchentisch aus auf eine Wiese mit Kirschbaum, Weide, Birnbaum, Pappel.

Ja, einen Fall gibt es auch. Ich habe ihn im Grunde sofort nach der Lektüre vergessen. Es hat was mit Banken, alt gewordenen Linken und der Schweizer Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg zu tun. Viel Basel ist drin, eine Menge Lokalkolorit. Das ist gut, denn Basel ist eine schöne und sehr interessante Stadt, ich mag sie. Der Fall ist nicht wichtig, es soll übrigens auch bessere Hunkelers geben. Was ich nur gut finde, denn ich habe sie ja noch vor mir.

Den neuesten habe ich am Tag angefangen, nachdem ich Hunkelers Geheimnis zugeklappt hatte, Hunkeler in der Wildnis, der zehnte und bisher letzte Fall. So, wie die Zeiten und mein Gemüt gerade beschaffen sind, werde ich die anderen acht auch noch lesen.

Hansjörg Schneider, Hunkelers Geheimnis. Der neunte Fall. Diogenes. 12 Euro