Was liest du gerade?, fragte mich jemand.

Ich lese das neue Buch von Haruki Murakami, dem Japaner, antwortete ich.

Und wie schreibt der?, fragte mein Gegenüber, der von Murakami noch nie etwas gelesen hatte.

Wie soll ich sagen?, antwortete ich. Es erinnert mich gerade sehr an Gabriel García Márquez‘ Hundert Jahre Einsamkeit, diese Vermischung von Welten, die Gleichzeitigkeit der Lebenden und der Toten. Er ist wie ein japanischer García Márquez, aber natürlich auch wieder ganz anders.

Wie anders?

Da ist nicht dieses Blumige, Farbige, Reiche. Es ist ganz ruhig erzählt, gemessen, still, könnte man sagen. Japanisch vielleicht, wenn ich nur besser wüsste, was das ist. Aber trotzdem oder gerade deswegen unglaublich spannend. Spannend nicht, weil man das Ende erfahren will, die Lösung, sondern einfach, weil dieses Erzählen selbst so spannend ist, weil es einen so in den Bann zieht.

Das sagte ich und zweifelte gleichzeitig daran, weil ich weder von Murakami noch von García Márquez so viel verstehe, dass ich mir ein solches Urteil erlauben könnte.

Aber das Seltsame war: Noch am selben Abend (und ich erfinde das nicht) gelangte ich im Buch an eine Stelle, an der Murakami sich ausdrücklich auf García Márquez bezieht. Er zitiert ihn, und dann lässt er seine Hauptfigur sagen:

Seine Geschichten mögen nach den Maßstäben der Kritik Magischer Realismus sein, aber für García Márquez selbst waren sie ganz gewöhnlicher Realismus. In der Welt, in der er lebte, vermischten sich das Reale und das Irreale völlig selbstverständlich, und er schilderte die Dinge so, wie er sie sah.

So ist das auch in diesem Buch, das auf einer Geschichte basiert, die Murakami als junger Autor schrieb und die er im Alter (er ist nun 75) wieder aufnahm und zu einem Roman ausbaute, sozusagen Jugendbuch und Alterswerk zugleich, wie der Rezensent Tobias Lehmkuhl im Deutschlandfunk festhielt.

Die Stadt mit der ungewissen Mauer ist ein Ort, den man nur betreten kann, wenn man vorher seinen Schatten bei einem Wächter abgibt, im Schattengehege, unwiderruflich im Grunde, aber dann doch nicht, wie sich später zeigt. Die Mauer ist die Grenze zwischen Leben und Tod, zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit, Realität und Irrealität (oder Surrealität?). Aber sie ist nicht fest gemauert, diese Mauer, sie war auch völlig unbestimmt. Je nach Situation und Gegenüber veränderte die Mauer ihre Härte und ihre Gestalt. Wie ein Lebewesen, heißt es im Roman.

So kommt es, dass in diesem Buch Menschen und ihre Schatten sich trennen und wieder zusammenkommen, dass die Hauptfigur, die keinen Namen hat, auf einen Mann namens Koyasu trifft, der längst tot ist und dennoch lange Gespräche führt. Das klingt seltsam, aber beim Lesen empfindet man das nicht so, sondern findet dieses Spiel zwischen Realität und Fantasie, mit Identität und Ich und Du und der Sehnsucht nach der Verbindung zu anderen Menschen und nach dem wahren, passenden, richtigen Leben, als ganz und gar schlüssig und sehr aufregend.

Und man lernt – falls man es noch nicht wusste – , dass Murakami einer der großen Schriftsteller unserer Zeit ist und dass Literatur die Welt so erschaffen kann, dass wir unsere Welt neu zu sehen lernen.

Haruki Murakami, Die Stadt und ihre ungewisse Mauer. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. 637 Seiten,DuMont, 34 Euro.