Katja Oskamp habe ich im Dezember 2021 im Dortmunder Wortklub kennengelernt, das ist eine Veranstaltungsreihe, die regelmäßig in der Jazzbar domicil stattfindet. Wir saßen zusammen mit dem Moderator auf der Bühne. Ich kannte sie nicht, hatte noch nie von ihrem Buch gehört: Marzahn mon amour. Geschichten einer Fußpflegerin.

Ich hielt sie anfangs tatsächlich für eine Fußpflegerin, die Schriftstellerin geworden war und über ihren Alltag ein paar lustige Geschichten geschrieben hatte.

Dabei ist sie eine Schriftstellerin, die den Beruf der Fußpflegerin ergriffen hatte.

Und die Geschichten: lustig? Nach ein paar Minuten des Zuhörens bei ihrer Lesung war klar, dass wir hier von anderen Kategorien reden, genau jener Literatur nämlich, von der wir in Deutschland zu wenig haben.

Viel zu wenig.

Katja Oskamp hatte mit 44 Jahren nach einer Zeit als Dramaturgin und Schriftstellerin, die übrigens mit einigen Preisen ausgezeichnet wurde, ihre Probleme mit dem Leben in diesen Berufen und auch sonst. Ein Manuskript fand keine Abnehmer, das Kind zog aus, der Mann wurde krank.

Was tun?

Sie fing noch mal von unten an, von ganz unten, bei den Füßen eben. Machte eine Ausbildung (dauerte acht Wochen), arbeitete auf Stundenbasis (22 Euro, in Marzahn, in Charlottenburg wären es 65 gewesen, aber da war sie nun mal nicht, es hatte sich nicht ergeben).

Sie schrubbte Füße, schabte Hornhäute, schnitt Nägel – und zwar nicht Luxuslatschen im Westen, sondern einfacher Leute Gehwerkzeuge.

Frau Guse, Herr Pietsch, Frau Frenzel, die Eheleute Huth, auch Herr Hübner. Der hat Füße, deren Zustand jeder Beschreibung spottet, und rückt mit zwei Sozialbetreuerinnen an.

Katja Oskamp hat, was jede gute Autorin und jede gute Autorin haben sollte: eine große Zuneigung zu den Menschen, von denen sie erzählt. Ich vermeide das Wort Figuren, das an dieser Stelle gerne verwendet wird, es klingt papieren, lebensfern, technisch. Nichts davon ist in den Geschichten, die ich hier gelesen habe. Dafür ist alles andere da, das man haben will: Schicksal, Realismus, Härte, Zartheit, Neugier, Zugewandtheit, Humor, Interesse.

Bei der Kundschaft Oskamps handelt es sich um sogenannte einfache Leute, Rentnerinnen, heruntergeschuftete Umzugsarbeiter mit ihren kaputten Füßen, einsame frühere SED-Kader, Ex-Facharbeiter für Plaste und Elaste, zur Nageldesignerin umgeschulte Tresenkräfte. Es sind die Leute, für die man sich in der Mittelstandsliteratur unserer Tage nicht sehr interessiert. Man müsste ja zu ihnen gehen und sie fragen, wie es um ihr Leben steht – und wo wohnen die denn überhaupt? Da bleibt man lieber bei den eigenen Neurosen und Verzweiflungen, das recherchiert sich leichter auf dem Sofa daheim.

Einfache Leute? Kleine Leute? Ach ja, ach nein. Hier ist nichts einfach und schon gar nicht klein, dafür stehen die Leute vor dir, wie sie sind, mit all ihrer Unerschütterlichkeit, ihrem Pragmatismus, ihrer Nüchternheit, ihren Hoffnungen und ihrem Lebenswillen, und, jawoll: auch ihrer ganz wunderbaren Lustigkeit.

Katja Oskamp, Marzahn mon amour. Geschichten einer Fußpflegerin. Suhrkamp. Taschenbuch 10 Euro.