Seit wir die Pandemie haben, gehört es zu meinem Mental-Programm, mir selbst an jedem Morgen, an dem mir das Dasein mühsam und anstrengend erscheint, drei Punkte aufzuzählen, die diesen Tag schön machen werden: das Frühstück im Café, ein Treffen mit einem meiner Kinder, Schwimmen im Dantebad, das Abendessen mit meiner Frau, solche Sachen. In den zwei Wochen, in denen Kent Harufs Abendrot auf meinen Nachttisch lag, war einer der Punkte immer schon klar: Heute Abend wirst du wieder in diesem Buch lesen.

Haruf habe ich spät entdeckt, durch einen Literaturtipp im vergangenen Jahr irgendwo, von Matthias Brandt, glaube ich. Er empfahl Unsere Seelen bei Nacht. Es war der Hammer, ich fraß den kleinen Roman in drei Tagen. Danach kam Ein Sohn der Stadt. Als ich den zugeklappt hatte, beschloss ich, nun alles von Haruf zu lesen. Das ist nicht so schwer, er hat nur sechs oder sieben Romane geschrieben, 2014 ist er gestorben, leider schon mit 71.

Und ich mache Fortschritte.

Jetzt habe ich Abendrot abgeschlossen.

Alle Bücher Harufs spielen in einer Kleinstadt in Colorado. Sie heißt Holt, und es gibt sie nur in Harufs Geschichten. Der Ort ist fiktiv, und das Personal seiner Bücher hat, soweit ich das sehe, manchmalÜberschneidungen, manchmal nicht. Vielleicht sollte man vor Abendrotnoch Das Lied der Weite lesen, mein Fehler. Ich wusste nicht, dass auch dort die McPheron-Brüder mit ihrem Leben vor dem in Abendrot vorkommen, na ja, egal jetzt. Die Gemeinsamkeit aller Bücher ist diese kleine, unbedeutende, nichtssagende und doch eigenartige und schöne kleine Stadt irgendwo in der Weite der Great Plains – und vor allem das einfache, schwierige, schöne, scheiternde, hoffnungsvolle Leben der Leute dort.

In Abendrot werden einige Monate im Leben einiger Leute in Holt erzählt. Man liest von Raymond McPheron, der mit seinem Bruder eine Rinderfarm betreibt, die beiden haben gemeinsam eine Ziehtochter, die aber zum Studium wegzieht. Von Luther und Betty, die mit zwei Kindern in einem Trailer leben, vom Sozialamt betreut werden und ihres Lebens nur mühsam Herr werden. Von DJ, dem Elfjährigen, der allein mit seinem mürrischen Großvater lebt, der ohne seinen Enkel verloren wäre. Von Dena und ihrer kleinen Schwester, deren Mutter ihr Leben aus Verzweiflung nach dem Wegzug des Mannes (und Vaters) in Suff und Depression zu verlieren droht.

Über jede dieser Existenzen bricht eine Tragödie herein, mit der die Leute fertig werden müssen – und dieses Ringen schildert Haruf in seiner dichten, farbigen, unspektakulären, plastischen Sprache, der man nicht auskommt und natürlich auch nicht auskommen will, warum denn?Jedes seiner Bücher entfaltet einen unwiderstehlichen Sog. Ich wollte nach wenigen Seiten nie mehr weg aus Holt, wollte nur noch diese Geschichten lesen, nichts sonst. Haruf konnte erzählen, oh, wie er das konnte!, voller Zartgefühl und Zuneigung für die Leute, voller Hoffnung trotz aller Desaster, den Blick immer auf die Würde jedes Einzelnen und den Gemeinsinn der meisten gerichtet. Wer in dieser Zeit an den Umständen und den Menschen zu verzweifeln droht, der muss Haruf lesen, und zwar alles von ihm.     

Kent HarufAbendrot. Aus dem Amerikanischen von pociao. Diogenes. 13 Euro.