Es gibt Autoren, von denen ich fast alles lese, Wolf Haas gehört zu ihnen. Auferstehung der Toten, Der Knochenmann, Komm, süßer Tod!, Das ewige Leben, Das Wetter vor 15 Jahren, Junger Mann, und das sind ja längst nicht alle, das ist nur eine zufällig mir einfallende Auswahl.

Seine Dissertation namens Sprachtheoretische Grundlagen der Konkreten Poesie ist mir entgangen, 1990 im Akademischen Verlag erschienen. Der Mann ist Linguist, aber er hat sich irgendwann der praktischen Seite des Fachs zugewandt, wie schön!

Und Verteidigung der Missionarsstellung – Moment, nein, das habe ich nicht gelesen, warum eigentlich nicht?

Keine Ahnung. Es ist auch egal jetzt. Auf Vollständigkeit kommt es nicht an, aber auf dieses Gefühl: Auf den Mann kann man sich verlassen. Er strickt nicht immer die Masche weiter, die mal erfolgreich war, er probiert was aus, er riskiert Neues, er lässt sich was einfallen, er entwickelt sich weiter. Also, das mag ich. In ein Buch von Haas lese ich im Buchladen nicht irgendwie erst rein oder so, ich nehme es einfach mit, wenn es was Neues gibt.

Es gibt auch Romanfiguren, von denen will ich alles wissen. Der Brenner ist so einer, über den Haas neun Romane geschrieben hat. Die gelten gemeinhin als Kriminalromane, spielen aber in diesem Genre eine singuläre Rolle. Was man schon daran merkt, dass ich, als ich in der Kriminalbuchhandlung Glatteis in München herumstand und das Buch bestellen wollte, erfuhr: Sooo gefragt sei der Haas hier im Krimiladen gar nicht.

Und warum nicht?, fragte ich entgeistert.

Die Buchhändlerin war etwas ratlos, sie wisse das auch nicht so genau – vielleicht verstünden manche Leute den Humor nicht?

Da war nun ich wiederum fassungslos, weil ich darauf eben nicht gefasst war: dass man den Brenner nicht mögen könnte. Und dass man die wunderbare Sprache, in der seine Geschichten sozusagen auf mündliche Weise schriftlich erzählt werden, nicht zu verstehen in der Lage sei.

Es ist ja auch egal. Wer vom Brenner, der einst als Kriminalbeamter begann, dann Privatdetektiv wurde, zwischendurch, glaube ich, mal Chauffeur war, und nun auf einem Wiener Wertstoffhof arbeitet (den man dort „Mistplatz“ nennt), wer also vom Brenner noch nie gehört hat, sollte vielleicht erst mal den Knochenmann lesen oder Das ewige Leben.

Müll ist nämlich anfangs nicht ganz so süffig wie einige seiner Vorgänger, bei denen man nach spätestens hundert Seiten im eigenen Alltag genauso zu reden begann wie der Erzähler, also ohne Verben und mit viel Frage nicht / Und du darfst eines nicht vergessen / Jetzt pass auf / Aber interessant oder diesem wunderbaren Wort Hilfsausdruck, nach dem immer ein besonders rarer Begriff kommt. Ein Brenner-Roman ist einem Menschen vom Mund heruntergeschrieben, der eine Geschichte erzählt und sich dabei, wie Leute das nun mal so tun, immer wieder verliert in Nebenbetrachtungen und Untererzählungen.

Genau das führt ja dazu, dass man abends immer ein oder zwei Kapitel mehr liest, als man eigentlich wollte. Man wird da so reingezogen und kann nicht aufhören.

Bei Müll dauert es ein wenig, bis die ganze Sache richtig in Fahrt kommt, aber, das kann ich versprechen: Sie kommt irgendwann in Gang, und dann wird es echt gut.

Mehr hier nicht.

Wahrscheinlich dauert es jetzt wieder acht oder zehn Jahre, bis es noch mal einen Brenner-Roman gibt, aber ich bin sicher, dass ich dann wissen wollen werde: Was ist aus dem eigentlich geworden, seit 2022, seit Müll?

Wolf Haas, Müll. Hoffmann und Campe. 24 Euro.