| DEUTSCHLAND, DEINE KÖRPERTEILE 2 ![]() Nachdem wir uns im letzten Brief mit jenen Straßen, Plätzen und Orten beschäftigt haben, die nach Körperteilen vom Scheitel bis zum Hals benannt sind, kommen wir heute zum Oberkörper. Ich möchte aber vorher noch eine kleine Nachlese zum Kopf halten, einfach weil es noch einige Ergänzungen gibt. Die eine ist eine Adresse, die mir Leserin K. aus Marburg schickte. Sie ist freundlicherweise sogar noch einmal an den Ort des Geschehens gefahren, um das Straßenschild zu fotografieren. Es handelt sich um die Straße Unter dem Gedankenspiel in Marburg-Wehrda, die sich wunderbarerweise mit einer anderen Straße namens Im Paradies kreuzt, wirklich wahr. Wobei ich keinerlei Hinweis auf Gründe fand, aus denen man einen so herrlichen Straßennamen wie Unter dem Gedankenspiel erfindet. Es ist ja auch egal, Hauptsache, die Straße existiert und wir können hier weiter Deutschlands Körperteile untersuchen. Ein Gedankenspiel auch dies. Leserin M. schrieb mir, sie sei etwas erschrocken gewesen, als sie eine Freundin in eine Einrichtung für Kurzzeitpflege brachte, denn das Haus, in dem sie wieder gesund werden sollte, hatte die Adresse Am Halsbrech in 52222 Stolberg/Rheinland. Der Dame passierte nichts, aber als ich mir die Ecke im Internet genauer ansah, entdeckte ich: Sie ist wirklich gefährlich, immer wieder versagen Radfahrern auf der steilen Straße die Bremsen und sie krachen am Ende in einen Zaun. In einem Antrag der Wählergemeinschaft Dein Stolbergstanden die sehr passenden Sätze: Mehrfach kam es nun bereits zu teils schweren Unfällen Am Halsbrech. Fahrzeuge rutschen dabei den Berg hinab und durch den Zaun an der Kreuzung Bergstraße, der die Fahrzeuge nicht aufhalten kann. Dies stellt nicht nur eine Gefahr für potenzielle Fußgänger hinter dem Zaun sondern auch für die Autofahrer dar, die theoretisch hinter dem Zaun mit Glück von den Bäumen gestoppt werden oder aber einen Abhang hinunterfallen würden. Sagte ich schon, dass die Straße am Friedhof entlangführt? Und dass sich eine Straße weiter das Krankenhaus befindet? ![]() Eine Ecke weiter heißt eine Straße Trockener Weiher, was mich daran erinnert, dass es sehr weit von hier, in Ägypten nämlich, einen See namens Nassersee gibt. (Benannt natürlich nach dem früheren Staatschef Nasser, aber das ist jetzt mal egal.) Nun aber wirklich zum Oberkörper. Direkt am Hals sitzt der Nacken und so möchte ich die Hofschaft Nacken in Solingen erwähnen, eine Sammlung von Häusern wie ein Dorf, jedoch ohne Kirche und Wirtshaus, so was nennt man eben Hofschaft. Eine idyllische Gegend, wie ich höre, man kann dort gut wandern, wenn sonst nichts zu tun ist. In Hannover gibt es eine Nackenberger Straße und in München die Amalie-Nacken-Straße. Zu Fraunberg im Landkreis Erding gehört das Dorf Tittenkofen, benannt nach dem Erzbischof Tuto, dem neunten Bischof von Regensburg von 893 bis 930, der als Seliger verehrt wird. Wenn der wüsste … Tittenkofen reiht sich würdig in die lange Liste lustiger deutscher Ortsnamen, zu denen auch Katzenhirn, Kotzheim und Oberanschiessing gehören, des weiteren Großmuß, Meinkot bei Helmstedt, Oberkaka und Unterkaka in Sachsen-Anhalt, Pups (gleich bei Elendskirchen), Strullendorf, Fucking, das aber in Österreich liegt und sich außerdem umbenannt hat, Poppenhausen in der Rhön, Petting, Fickenhof, Altenheim und Lachen, Deppenhausen nicht zu vergessen. Ein Ortsteil von Vacha in Thüringen heißt Busengraben, hihi, er hat Busengraben gesagt. Nicht vergessen wollen wir die Wilhelm-Rippen-Straße in Wiefelstede, Willi Rippen war dort lange Gemeindedirektor, hochverehrt bis heute. In Lübeck heißen die kleinen Straßen, welche die Hauptwege der Altstadt kreuzen, allesamt Rippenstraßen, man nennt sie aber nur so, in Wahrheit haben sie andere Namen. In jeder von ihnen wohnten früher jeweils bestimmte Berufsgruppen, in der Hundestraße zum Beispiel ärmere Bauern und Gerber, im Kolk die Flussschiffer und in der Fleischhauerstraße … Na klar. In List auf Sylt haben wir den Ellenbogen, in der Eifel liegt Marmagen und Remagen ist eine Stadt in Rheinland-Pfalz. In Staßfurt-Atzendorf die Herzstraße. Das Schulterblatt in Hamburg. Die Handstraße in Bergisch Gladbach. Die Fingergasse in Wien. Der Daumenweg in Immenstadt im Allgäu. Die Hüftgasse in Köinigstein/Oberpfalz. Die Kehlestraße in Olsberg. Im krummen Arm ist eine Adresse in Bremen. Leserin H. schreibt mir per Adresse Am krummen Arm in Emmendingen. Die Krummellenbogenstraße befindet sich in Jever. Und im April geht es hier weiter mit dem Unterkörper. Wobei: Zum Oberkörper gehören unter anderem noch SaarbRÜCKEN und ZweibRÜCKEN, na, nun ist aber Schluss. |
| SCHWEINEREIEN UND SCHWEINEREIHEN Im Brief aus dem Büro vom Februar ging es unter anderem um eine Kolumne aus dem Jahr 2017, die sich mit der Frage befasst hatte, warum so vielen Internet-Kommentatoren in der Eile und der Aufregung das Wort Schweinereien zu Schweinereihen wird, wodurch ihre in der Regel wutentbrannt verfassten Ergüsse immer eine komisch-poetische Note erhalten. Leserin L. schickte dazu nun ein Foto einer echten Schweinereihe, damit wir einfach mal wissen, wovon die Rede ist. ![]() |
BRIEFZUSTELLKRAFT![]() Regelmäßige Leserinnen und Leser meiner Texte wissen, dass man mir mit schönen Wörtern immer eine Freude machen kann. Dies gilt nun auch für die DHL, die mich vor Kurzem mit der Nachricht erfreute, eine gewisse Sendung werde mir von der Briefzustellkraft überbracht. Mir gefällt irgendwie die Kombination von Zustellen und Kraft, ich kann das gar nicht recht begründen, es ist ja auch egal. Wahrscheinlich hat die Erfindung des Begriffs etwas mit dem Wort Kraft zu tun, man muss dann nicht schreiben Briefzusteller/in oder Briefzusteller*in oder so etwas. Früher nannte man Sekretärinnen gelegentlich Schreibkräfte, aber inzwischen würde ich das Wort für mich in Anspruch nehmen. Was bin ich denn anderes als eine Schreibkraft, bitteschön? |
KINDER UND SOCIAL MEDIA![]() Leserin H. war mit ihren drei Kindern auf einer meiner beiden Lesungen in Hamburg und steckte mir anschließend einen Flyer zu, den ich sehr interessiert gelesen habe. Und kaum war ich daheim, hatte ich auch schon eine Mail von ihr in der Post. Sie schrieb (ich zitiere in Auszügen): 2019 habe ich zusammen mit drei anderen Müttern aus Hamburg eine gemeinnützige Elternbewegung gegründet: Smarter Start ab 14 e.V. Wir wollten nicht, dass die digitale Welt die Kindheit unserer Kinder bestimmt. Für uns steht vielmehr die gesunde Entwicklung von Kindern im Mittelpunkt. Sie sollen Zeit haben für das, was wirklich zählt: Freundschaften, Bewegung, Kreativität und das Entdecken der Welt um sie herum. Wir möchten die Chancen der digitalen Welt nutzen, aber Risiken und Gefahren vermeiden. Deshalb begleiten wir unsere Kinder digital, an Familiengeräten, und vermitteln ihnen zunächst Medienkompetenz, bevor wir sie allein ins Netz lassen. Unser Motto: Erst Kindheit. Dann Smartphone. Viele Eltern bundesweit haben sich uns in den vergangenen Jahren angeschlossen … … In diesem Zusammenhang haben wir soeben eine Petition im Bundestag eingereicht, die ab dem 24.2. veröffentlicht wird und dann auch unterzeichnet werden kann. Wir benötigen 30.000 Unterschriften innerhalb von 6 Wochen, um unser Anliegen in einer öffentlichen Sitzung vorbringen zu können. Mit der Petition möchten wir erreichen, dass gesellschaftlich über das Thema Kinder- und Jugendschutz im Internet debattiert und über ein gesetzliches Mindestalter diskutiert wird. Zum anderen möchten wir erreichen, dass die Bundesregierung eine Expertenkommission einsetzt, die wissenschaftlich die Auswirkungen der (exzessiven) digitalen Bildschirmmediennutzung auf die Entwicklung und körperliche und psychische Gesundheit von Kindern untersucht. Die Regierungen in Frankreich und Spanien haben solche Expertenkommissionen bereits im letzten Jahr einsetzt. Ich finde das sehr unterstützenswert und habe die Petition unterschrieben. Wer sich für die Initiative interessiert und unterzeichnen möchte, kann das hier tun. https://www.smarterstartab14.de/ LÖTROGEN UND AUSFUGMASSE ![]() Leser R. schreibt: ist Ihr Wortstoffhof noch geöffnet? Ich hätte einen recht hübschen Übersetzungsfehler abzugeben. Im Februar war ich auf einem Schiff von Havila Kystruten entlang der norwegischen Küste unterwegs. Die Mittags-Speisekarte bot eines Tages einen sehr leckeren Seesaibling an. Überraschend fand ich allerdings die Beilage Lötrogen – man denkt zunächst unwillkürlich an eine speziell norwegische Zubereitungsart, hat aber dann doch seine Zweifel, ob die Norweger wirklich Lötkolben zur Zubereitung von Fischrogen verwenden. Also blätterte ich zur englischen Version der Speisekarte und erfuhr, dass dort solder roezum Saibling gereicht wurde. Da löten die deutsche Übersetzung von to solder ist, erschien dies konsequent, aber immer noch rätselhaft. Aufklärung verschaffte erst ein Blick auf die norwegische Speisekarte: lodderogn ist der Rogen eines kleinen, im Arktischen Ozean verbreiteten Fisches, norwegisch lodde, englisch capelin, deutsch wiederum Lodde. Dummerweise gibt es im Norwegischen neben dem Substantiv (also dem Fisch) auch ein Verb lodde, und das heißt löten. Das Übersetzungsprogramm für die Speisekarte hat also mit schlafwandlerischer Sicherheit unter den zwei Möglichkeiten, lodde vom Norwegischen ins Englische zu übertragen, die falsche gewählt und dann englisch-deutsch konsequent weitergearbeitet, mit dem Ergebnis Lötrogen. Geschmeckt hat er übrigens sehr gut. Dies deckt sich übrigens mit den Erkenntnissen, die ich bei der Arbeit an meinem Buch Oberst von Huhn bittet zu Tisch gewonnen habe. Dort heißt es über die gängigen Übersetzungsprogramme: Zum Beispiel erkennt ein Übersetzungsprogramm im italienischen Wort filetto nicht nur das uns vertraute Filet, sondern auch die erste Person Singular des Verbums filettare – und das bedeutet ein Gewinde schneiden. So wird aus einem Filetto al pepe verde oft ein Gericht namens Ich schneide ein Gewinde zum grünen Pfeffer. Natürlich könnte es auch einfach ein Filet mit grünem Pfeffer sein. Aber irgendwie traut der Computer wohl der Übersetzung filetto = Filet nicht so recht. Und hat er nicht recht? Filet ist ja nicht eigentlich ein deutsches Wort. Warum soll er es als solches erkennen und behandeln? Wir lernen: Das Übersetzungsprogramm wird sich im Zweifel immer für ein Wort entscheiden, das irgendwie deutscher klingt. Das heißt, wenn sich aus dem französischen Wort coulis einfach das ja ebenfalls deutsche (aber eben französisch-stämmige und französisch klingende) Püree machen lässt, andererseits aber auch der Begriff Ausfugmasse zur Verfügung steht, wird es sich immer für Ausfugmasseentscheiden. Und so entdeckte Leser J. aus Essen seinerzeit in Epernay/Frankreich auf der Karte ein Dessert namens Nougat erstarrt auyf fruchtausfugmasse. |
DIE LESUNGEN![]() Ich habe Lese-Pause. Im November geht es weiter, mit einem neuen Buch und voller Kraft. Da im vergangenen Winter alle Vorstellungen ausverkauft waren, empfehle ich, sich frühzeitig um Tickets zu kümmern, nur mal ganz unter uns gesagt. Übrigens ist die Liste nicht vollständig, es sind immer nur die Termine verzeichnet, für die der Vorverkauf schon begonnen hat.2025 02.11. Stuttgart, Theaterhaus 03.11. Bochum, Kammerspiele 04.11. Oldenburg, Kulturetage 15.11. Gröbenzell, Stockwerk 16.11. Bielefeld, Stadttheater 21.11. Halle, Franckesche Stiftungen (in der Reihe Persönlichkeiten im Gespräch) 22.11. Leipzig, Kupfersaal 23.11. Dresden, Schauspielhaus 07.12. Berlin, Schlosspark Theater 08.12. Berlin, Schlosspark Theater 28.12. München, Volkstheater 2026 03.01. München, Leo17 05.01. Köln, Gloria 06.01. Köln, Gloria 03.02. Mainz, Frankfurter Hof 26.02. Bayreuth, Zentrum Noch mehr und detaillierte Informationen auf meiner Internetseite. |
MEIN BUCH DES MONATS MÄRZ![]() Von Christoph Ransmayr habe ich vieles gelesen, weil man von ihm eigentlich alles lesen sollte, vor Jahren aber vor allem den Atlas eines ängstlichen Mannes, ein großartiges Buch mit siebzig Geschichten aus der ganzen Welt zwischen Java, der Arktis, Vietnam und der Südsee. Jeder Text beginnt dort mit den Worten „Ich sah …“, ein großartiges, unterhaltsames, aufregendes Buch, einem Spaziergang um den Globus ähnelnd. Egal wohin, Baby ist ähnlich konzipiert, nur dass hier am Beginn jeder Geschichte ein Foto steht, das der Autor irgendwo gemacht hat, ein Schnappschuss von einer Wolke oder einer von Grün überwucherten Anlegestelle an einem Fluss oder der an eine Mauer gesprühten Liebeserklärung Egal wohin, Baby – Erinnerungsbilder, an die jeweils eine Geschichte aus Japan oder Österreich oder einem anderen fremden, fernen Land anknüpft. Mikroromane nennt er sie, denn es ist alles da, was zu einem Roman gehört: Anfang, Ende, Spannung. Ransmayr nimmt Momente des Lebens, die an anderen vorbeigezogen wären, und fertigt daraus Gemmen der Beobachtungskunst. Muss man beim Lesen dosieren, drei pro Abend, sonst ist es zu schnell vorbei. Christoph Ransmayr, Egal wohin, Baby. Mikroromane. S.Fischer, 28 Euro. |
| WAS SONST NOCH ZU SAGEN WÄREFür die Korrektur des Textes danke ich herzlich Ruth Keen. Und großen Dank, wie immer, an Michael Ruhe für das Aufsetzen und Vorbereiten aller für den Versand des Briefs aus dem Büro notwendigen Dinge. Ihn findet man unter www.ruhe-bitte.com |







