Texte von mir

Aus dem Büro
  • Eine Kolumne zweipunkto
    Anfang Dezember erschien Das Beste aus aller Welt im Süddeutsche Zeitung Magazin als Liebeserklärung an das kleine o. (Wer mag, kann das hier nachlesen, es kostet aber etwas, wie so vieles in der […]
  • „Hier waren wir schon“
    Es gibt ordentliche Menschen, die ordentliche Büros haben und unordentliche Menschen mit unordentlichen Arbeitszimmern. Dann gibt es noch unordentliche Menschen in ordentlichen Büros. Aber das sind Leute, die jemanden haben, der für sie […]
  • Was geschah mit Marys Kleid?
    Leser S. schickte mir einen Artikel, der im vergangenen Sommer im New Yorker erschienen ist und sofort mein ungeteiltes Interesse fand. Es geht um das Missverstehen eines gesungenen Textes, in diesem Fall Bruce […]
  • „Kuck mal, was der hier schreibt!“
    Ich sitze im Zug und schreibe, auf der Rückfahrt von einer Lesung. Draußen ist gerade Fulda, glaube ich. Neben mir isst eine ältere Dame ein Vollkornbrot. Nach jedem Biss legt sie es sorgfältig […]
  • Einige spannende Tatsachen über den äußerst langweiligen Alltag von Schriftstellern
    Arbeiten Sie eigentlich jeden Tag?, fragt mein Orthopäde. Was dachten Sie denn?, frage ich zurück. Ach, ich dachte, vielleicht schreiben Sie nur, wenn Sie eine Idee haben. Und was glauben Sie, woher die […]
  • Von Lachträumen, Bestattungsinstituten und der Tante Jolesch
    Eine meiner literarischen Lieblingsformen ist die Anekdote. Und eines meiner Lieblingsbücher seit Jahrzehnten ist deshalb Friedrich Torbergs Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten, 1975 erschienen. Ich bin immer wieder […]
  • Über Verbundenheit
    Manchmal bekomme ich Leserpost, die mich zu Tränen rührt. Ich erinnere mich an die Mail eines Mannes, der mit seiner Frau eine Fernbeziehung führen muss, über viele hundert Kilometer. Jeden Abend lese er […]
  • Grundschulisch für Anfängerinnen: abba hä?
    Mit meinen Leserinnen R. und W., beide als Lehrerinnen „im Grundschulbereich“ tätig, bin ich kürzlich in einen Austausch über Sprache und Poesie im Kindesalter getreten. Es ging um das Schöpferische am Falschmachen, ein […]

Mein Leben in Dingen

Die Dose hat mir vor Jahren Peter Kaack geschenkt, weil ihm mein Buch Fußballgefühle so gefallen hatte. Peter war Verteidiger in der Meistermannschaft von Eintracht Braunschweig 1967 und einer der Helden meiner Kindheit. Oft frage ich mich, in welchem Zustand sich der Inhalt dieser Bierbüchse befinden mag. Aber es könnte sein, dass ich es nie erfahren werde.

Ich stelle die Zahnpasta immer auf den Deckel, wie man es ja auch vernünftigerweise machen sollte. Meine Frau legt sie immer hin. Irgendwann fand ich eine Lösung, die uns beiden gerecht wurde, und unsere Ehe hat bis heute gehalten.

In meinem Elternhaus wohnte ein Vertreter von Idee-Kaffee als Untermieter. Der hatte solche Schränkchen für seine Kunden. Als Kind saß ich oft davor und träumte von den Orten, die darauf verzeichnet sind: Timor, Celebes und Menado, von Arabien und Abessinien, auch Bahia, Minas Geraes und Sao Paulo. Ich liebte das Design und den Kaffeegeruch aus dem Lager von Vorräten, die der Vertreter im Keller untergebracht hatte. Und zweitens? Ein Mann wie ich braucht im Büro einen Behälter für Ideen, die er nicht sofort verwerten kann und aufheben muss. Die sind da alle drin.

Den ganzen Tag redet der Stachelige Kugelfisch auf den Piranha ein (links im Glas dessen hintere Hälfte). Es macht den Piranha ganz verrückt, dieses Kugelfischgequatsche, und er hat mich schon oft um einen anderen Platz im Büro gebeten. Vielleicht mehr in der Nähe des Kühlschranks oder seinetwegen auch auf der Toilette? Hauptsache weg von diesem Scheißkugelfisch mit seinem Dauergelaber! Aber ich habe noch keine andere Möglichkeit für ihn gefunden.

Bei der Bundeswehr bekamen wir vor fast fünfzig Jahren Gasmasken. Weil ich kurzsichtig bin und manchmal eine Brille trage, bekam ich auch eine Gasmaskenbrille. Die Gasmaske musste ich zurückgeben, die Brille durfte ich behalten. Ich trage sie aber nur noch zu besonderen Anlässen.

Bücher, die ich gerade lese

Kent Haruf, Abendrot, Diogenes

Seit wir die Pandemie haben, gehört es zu meinem Mental-Programm, mir selbst an jedem Morgen, an dem mir das Dasein mühsam und anstrengend erscheint, drei Punkte aufzuzählen, die diesen Tag schön machen werden: das Frühstück im Café, ein Treffen mit einem meiner Kinder, Schwimmen im Dantebad, das Abendessen mit meiner Frau, solche Sachen. In den zwei Wochen, in denen Kent Harufs Abendrot auf meinen Nachttisch lag, war einer der Punkte immer schon klar: Heute Abend wirst du wieder in diesem Buch lesen.

Haruf habe ich spät entdeckt, durch einen Literaturtipp im vergangenen Jahr irgendwo, von Matthias Brandt, glaube ich. Er empfahl Unsere Seelen bei Nacht. Es war der Hammer, ich fraß den kleinen Roman in drei Tagen. Danach kam Ein Sohn der Stadt. Als ich den zugeklappt hatte, beschloss ich, nun alles von Haruf zu lesen. Das ist nicht so schwer, er hat nur sechs oder sieben Romane geschrieben, 2014 ist er gestorben, leider schon mit 71.

Und ich mache Fortschritte.

Jetzt habe ich Abendrot abgeschlossen.

Alle Bücher Harufs spielen in einer Kleinstadt in Colorado. Sie heißt Holt, und es gibt sie nur in Harufs Geschichten. Der Ort ist fiktiv, und das Personal seiner Bücher hat, soweit ich das sehe, manchmalÜberschneidungen, manchmal nicht. Vielleicht sollte man vor Abendrotnoch Das Lied der Weite lesen, mein Fehler. Ich wusste nicht, dass auch dort die McPheron-Brüder mit ihrem Leben vor dem in Abendrot vorkommen, na ja, egal jetzt. Die Gemeinsamkeit aller Bücher ist diese kleine, unbedeutende, nichtssagende und doch eigenartige und schöne kleine Stadt irgendwo in der Weite der Great Plains – und vor allem das einfache, schwierige, schöne, scheiternde, hoffnungsvolle Leben der Leute dort.

In Abendrot werden einige Monate im Leben einiger Leute in Holt erzählt. Man liest von Raymond McPheron, der mit seinem Bruder eine Rinderfarm betreibt, die beiden haben gemeinsam eine Ziehtochter, die aber zum Studium wegzieht. Von Luther und Betty, die mit zwei Kindern in einem Trailer leben, vom Sozialamt betreut werden und ihres Lebens nur mühsam Herr werden. Von DJ, dem Elfjährigen, der allein mit seinem mürrischen Großvater lebt, der ohne seinen Enkel verloren wäre. Von Dena und ihrer kleinen Schwester, deren Mutter ihr Leben aus Verzweiflung nach dem Wegzug des Mannes (und Vaters) in Suff und Depression zu verlieren droht.

Über jede dieser Existenzen bricht eine Tragödie herein, mit der die Leute fertig werden müssen – und dieses Ringen schildert Haruf in seiner dichten, farbigen, unspektakulären, plastischen Sprache, der man nicht auskommt und natürlich auch nicht auskommen will, warum denn?Jedes seiner Bücher entfaltet einen unwiderstehlichen Sog. Ich wollte nach wenigen Seiten nie mehr weg aus Holt, wollte nur noch diese Geschichten lesen, nichts sonst. Haruf konnte erzählen, oh, wie er das konnte!, voller Zartgefühl und Zuneigung für die Leute, voller Hoffnung trotz aller Desaster, den Blick immer auf die Würde jedes Einzelnen und den Gemeinsinn der meisten gerichtet. Wer in dieser Zeit an den Umständen und den Menschen zu verzweifeln droht, der muss Haruf lesen, und zwar alles von ihm.     

Kent HarufAbendrot. Aus dem Amerikanischen von pociao. Diogenes. 13 Euro.

Katja Oskamp, Marzahn mon amour. Geschichten einer Fußpflegerin, Suhrkamp

Katja Oskamp habe ich im Dezember 2021 im Dortmunder Wortklub kennengelernt, das ist eine Veranstaltungsreihe, die regelmäßig in der Jazzbar domicil stattfindet. Wir saßen zusammen mit dem Moderator auf der Bühne. Ich kannte sie nicht, hatte noch nie von ihrem Buch gehört: Marzahn mon amour. Geschichten einer Fußpflegerin.

Ich hielt sie anfangs tatsächlich für eine Fußpflegerin, die Schriftstellerin geworden war und über ihren Alltag ein paar lustige Geschichten geschrieben hatte.

Dabei ist sie eine Schriftstellerin, die den Beruf der Fußpflegerin ergriffen hatte.

Und die Geschichten: lustig? Nach ein paar Minuten des Zuhörens bei ihrer Lesung war klar, dass wir hier von anderen Kategorien reden, genau jener Literatur nämlich, von der wir in Deutschland zu wenig haben.

Viel zu wenig.

Katja Oskamp hatte mit 44 Jahren nach einer Zeit als Dramaturgin und Schriftstellerin, die übrigens mit einigen Preisen ausgezeichnet wurde, ihre Probleme mit dem Leben in diesen Berufen und auch sonst. Ein Manuskript fand keine Abnehmer, das Kind zog aus, der Mann wurde krank.

Was tun?

Sie fing noch mal von unten an, von ganz unten, bei den Füßen eben. Machte eine Ausbildung (dauerte acht Wochen), arbeitete auf Stundenbasis (22 Euro, in Marzahn, in Charlottenburg wären es 65 gewesen, aber da war sie nun mal nicht, es hatte sich nicht ergeben).

Sie schrubbte Füße, schabte Hornhäute, schnitt Nägel – und zwar nicht Luxuslatschen im Westen, sondern einfacher Leute Gehwerkzeuge.

Frau Guse, Herr Pietsch, Frau Frenzel, die Eheleute Huth, auch Herr Hübner. Der hat Füße, deren Zustand jeder Beschreibung spottet, und rückt mit zwei Sozialbetreuerinnen an.

Katja Oskamp hat, was jede gute Autorin und jede gute Autorin haben sollte: eine große Zuneigung zu den Menschen, von denen sie erzählt. Ich vermeide das Wort Figuren, das an dieser Stelle gerne verwendet wird, es klingt papieren, lebensfern, technisch. Nichts davon ist in den Geschichten, die ich hier gelesen habe. Dafür ist alles andere da, das man haben will: Schicksal, Realismus, Härte, Zartheit, Neugier, Zugewandtheit, Humor, Interesse.

Bei der Kundschaft Oskamps handelt es sich um sogenannte einfache Leute, Rentnerinnen, heruntergeschuftete Umzugsarbeiter mit ihren kaputten Füßen, einsame frühere SED-Kader, Ex-Facharbeiter für Plaste und Elaste, zur Nageldesignerin umgeschulte Tresenkräfte. Es sind die Leute, für die man sich in der Mittelstandsliteratur unserer Tage nicht sehr interessiert. Man müsste ja zu ihnen gehen und sie fragen, wie es um ihr Leben steht – und wo wohnen die denn überhaupt? Da bleibt man lieber bei den eigenen Neurosen und Verzweiflungen, das recherchiert sich leichter auf dem Sofa daheim.

Einfache Leute? Kleine Leute? Ach ja, ach nein. Hier ist nichts einfach und schon gar nicht klein, dafür stehen die Leute vor dir, wie sie sind, mit all ihrer Unerschütterlichkeit, ihrem Pragmatismus, ihrer Nüchternheit, ihren Hoffnungen und ihrem Lebenswillen, und, jawoll: auch ihrer ganz wunderbaren Lustigkeit.

Katja Oskamp, Marzahn mon amour. Geschichten einer Fußpflegerin. Suhrkamp. Taschenbuch 10 Euro.  

Robert Walser, Der Spaziergang, Insel-Bücherei

Kurz vor Silvester habe ich den 338. Spaziergang des Jahres gemacht, mal wieder auf den Alten Südlichen Friedhof in meinem Viertel. Oder war es erst der 327.? So weit kommt‘s, dass ich Spaziergänge zähle!

Ich habe verschiedene Spaziergangs-Konzepte ausprobiert in den Corona-Zeiten, vor allem natürlich in den Lockdown-Phasen. Manchmal bin ich durch fremde Stadtteile spaziert. Dann jeden Morgen eine halbe Stunde über den Friedhof. Dann wieder und wieder durch den Rosengarten in den Münchner Isarauen. An den Wochenenden bin ich mit Frau und Freunden durchs bayerische Oberland gestreunt. Kein Waldweg, kein Aussichtspunkt, kein Bachsaum blieb mir fremd rund um das Dorf im Chiemgau, in dem wir eine Wohnung haben.

Nun habe ich Robert Walsers Der Spaziergang gelesen, es lag im Schaufenster einer Buchhandlung, die ich passierte. Aber da blieb es nicht, weil ich reinspazierte und es mitnahm.

Walser hat es im August 1916 geschrieben, ein rätselhaft-schönesBüchlein, das ich bestimmt noch mal lesen werde, im Versuch, es wirklich zu verstehen. Wir bekommen es auf Walsers Wegen mit so seltsamen Figuren wie dem Riesen Tomzack oder dem Präsidenten der Steuerkommission zu tun, auch mit Frau Aebi, die unseren Mann stets zum Essen einlädt und füttert bis er nicht mehr kann und darüber hinaus.

Spazieren ist für Walser eine Daseinsform gewesen, das Buch ein Schlüsselwerk des leider nie wirklich berühmt gewordenen Autors, der schrieb, wie er ging: schlendernd. „Spazieren“, heißt es bei ihm, „muss ich unbedingt, um mich zu beleben und um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrechtzuerhalten.“

Der Spaziergänger ist ja einer, der seine Zeit verschwendet und seine Aufmerksamkeit dem Unauffälligen, Belanglosen, sonst Übersehenen widmet. Vermutlich werde ich nie wieder so viel spazieren gehen wie 2020 und 2021. Ehrlich gesagt hoffe ich das sogar. Es wird mir zu viel. Sicher werde ich aber in Zukunft mehr spazieren als vor der Pandemie. Man entdeckt dabei so viel, das man nicht gesucht hatte, sogar ein kleines Buch eines wunderbaren Schriftstellers.

Robert Walser, Der Spaziergang. Insel-Bücherei Nr. 1449. 14 Euro