Texte von mir

Aus dem Büro
  • Das Boschste aus meinem Leben
    Mit einer gewissen Rührung notiere ich immer wieder, wie sehr viele Leserinnen und Leser an Bosch, meinem alten Kühlschrank und Freund, hängen. Erwähne ich ihn während einer Lesung, höre ich garantiert irgendwo im […]
  • Von Pupsmännern und Arschgesichtern
    Vor ungefähr drei Jahren schrieb ich im Süddeutsche Zeitung Magazin eine Kolumne, die so begann: „Leserin W. erzählte mir folgende Anekdote: Ihre zwei Töchter, zwei und vier Jahre alt, sitzen mit ihr am […]
  • Ein Haus für viele Sommer
    Axel Hacke zuhören: Selber lesen: Hundert Meter entfernt von unserem Turm, von dem ich berichten werde, in einer kleinen Seitengasse des Dorfes, haben wir eine Cantina, in der wir Fahrräder aufbewahren, auch eine Vespa, […]
  • Eine Kolumne zweipunkto
    Anfang Dezember erschien Das Beste aus aller Welt im Süddeutsche Zeitung Magazin als Liebeserklärung an das kleine o. (Wer mag, kann das hier nachlesen, es kostet aber etwas, wie so vieles in der […]
  • „Hier waren wir schon“
    Es gibt ordentliche Menschen, die ordentliche Büros haben und unordentliche Menschen mit unordentlichen Arbeitszimmern. Dann gibt es noch unordentliche Menschen in ordentlichen Büros. Aber das sind Leute, die jemanden haben, der für sie […]
  • Was geschah mit Marys Kleid?
    Leser S. schickte mir einen Artikel, der im vergangenen Sommer im New Yorker erschienen ist und sofort mein ungeteiltes Interesse fand. Es geht um das Missverstehen eines gesungenen Textes, in diesem Fall Bruce […]
  • „Kuck mal, was der hier schreibt!“
    Ich sitze im Zug und schreibe, auf der Rückfahrt von einer Lesung. Draußen ist gerade Fulda, glaube ich. Neben mir isst eine ältere Dame ein Vollkornbrot. Nach jedem Biss legt sie es sorgfältig […]
  • Einige spannende Tatsachen über den äußerst langweiligen Alltag von Schriftstellern
    Arbeiten Sie eigentlich jeden Tag?, fragt mein Orthopäde. Was dachten Sie denn?, frage ich zurück. Ach, ich dachte, vielleicht schreiben Sie nur, wenn Sie eine Idee haben. Und was glauben Sie, woher die […]

Mein Leben in Dingen

Ich weiß nicht mehr, woher ich dieses kleine Schwein habe, vermutlich habe ich es vor Jahrzehnten bei irgendeinem Trödler gekauft.

Ich mag Schweine, es sind sehr intelligente, gesellige Tiere, denen viel Unrecht geschieht in dieser Welt. Wobei ich kein Vegetarier bin, aber ein Gegner der Massentierhaltung in ihrer heute so weit verbreiteten Form. Aber wer wäre das nicht!? Schweine aus Holz isst jedoch keiner, und dieses hier ist aus Holz, geschnitzt aus einem Stück, nur das Ringelschwänzchen wurde nachträglich eingesetzt.

Ich nehme es fast jeden Tag einmal in die Hand und betrachte es. Es hat einen missmutigen Gesichtsausdruck und schaut ein wenig feindselig, aber es fasst sich gut an, rundlich und fest.

„Schweine sind uns nah und fern zugleich“, schreibt Thomas Macho in seinem äußerst lesenswerten, in der schönen Reihe Naturkunden bei Matthes & Seitz erschienenen Buch Schweine. „Wer eine Genealogie der Ambivalenz entwerfen wollte, braucht nur die Geschichte der Schweine studieren. Und in ihr den Widerspruch zwischen dem Überfluss des Imaginären, der Allegorien, Sprichworte, Bilder und Artefakte – und der zunehmenden Unsichtbarkeit der Schlachthöfe und Massentierhaltungspraktiken. Einer gesteigerten Sichtbarkeit entspricht eine außerordentliche Blindheit, ein vergessener und verdrängter Alltag der Grausamkeiten, zugleich aber auch eine diffuse Angst und Schuld ...“

Vielleicht stand das einmal im Schaufenster eines Metzgers. Vielleicht auch nicht. Jetzt ist es jedenfalls bei mir. Und da bleibt es auch.

Das ist die Krone des kleinen Königs Dezember. Er hat sie bei mir gelassen, weil er eine kleinere brauchte. Er schrumpft ja immer weiter, und diese wurde ihm zu schwer. Ich bewahre sie sicher unter einem kleinen Glassturz auf, denn sie ist wirklich aus Gold. Rechts daneben sieht man eine Schachtel, die einmal jemand für mich gebastelt hat, dem das Buch gut gefallen hatte: vor allem die Geschichte, in der es um die Träume von Dezember geht, die er nämlich in solchen Schachteln aufbewahrt.

Sie steht immer auf meinem Schreibtisch, ganz in der Nähe der Krone. Und es rührt mich jedes Mal sehr, wenn ich sie sehe: dass die Geschichte des Königs Leute so sehr beschäftigt, dass sie so etwas basteln und es mir schenken.

„Was bewahrst du in diesen Schachteln auf?“, fragte ich.

„Meine Träume“, sagte der König Dezember.

„Deine Träume!?“, rief ich.

„Alle meine Träume“, sagte der König. „In jeder Schachtel ist ein Traum.“

„Aber wie träumst du deine Träume, wenn du sie in Schachteln hast?“, fragte ich.

„Abends, wenn ich schlafen gehe“, sagte der König, „nehme ich eine Schachtel aus dem Regal, stelle sie neben mein Bett und nehme den Deckel ab. Dann schlafe ich ein und träume. Und morgens, wenn ich aufgewacht bin, bleibe ich noch ein bisschen liegen und erinnere mich an die Nacht. Dann tue ich den Traum wieder in die Schachtel und stelle sie ins Regal zurück.“

Die Dose hat mir vor Jahren Peter Kaack geschenkt, weil ihm mein Buch Fußballgefühle so gefallen hatte. Peter war Verteidiger in der Meistermannschaft von Eintracht Braunschweig 1967 und einer der Helden meiner Kindheit. Oft frage ich mich, in welchem Zustand sich der Inhalt dieser Bierbüchse befinden mag. Aber es könnte sein, dass ich es nie erfahren werde.

Ich stelle die Zahnpasta immer auf den Deckel, wie man es ja auch vernünftigerweise machen sollte. Meine Frau legt sie immer hin. Irgendwann fand ich eine Lösung, die uns beiden gerecht wurde, und unsere Ehe hat bis heute gehalten.

In meinem Elternhaus wohnte ein Vertreter von Idee-Kaffee als Untermieter. Der hatte solche Schränkchen für seine Kunden. Als Kind saß ich oft davor und träumte von den Orten, die darauf verzeichnet sind: Timor, Celebes und Menado, von Arabien und Abessinien, auch Bahia, Minas Geraes und Sao Paulo. Ich liebte das Design und den Kaffeegeruch aus dem Lager von Vorräten, die der Vertreter im Keller untergebracht hatte. Und zweitens? Ein Mann wie ich braucht im Büro einen Behälter für Ideen, die er nicht sofort verwerten kann und aufheben muss. Die sind da alle drin.

Den ganzen Tag redet der Stachelige Kugelfisch auf den Piranha ein (links im Glas dessen hintere Hälfte). Es macht den Piranha ganz verrückt, dieses Kugelfischgequatsche, und er hat mich schon oft um einen anderen Platz im Büro gebeten. Vielleicht mehr in der Nähe des Kühlschranks oder seinetwegen auch auf der Toilette? Hauptsache weg von diesem Scheißkugelfisch mit seinem Dauergelaber! Aber ich habe noch keine andere Möglichkeit für ihn gefunden.

Bücher, die ich gerade lese

Klaus Pohl, Sein oder Nichtsein, Galiani

Dieses Buch ist großartig. Es ist ein Wunder, einmalig in seiner Art. Es ist ein Schatz voller Geschichten, Irrungen und Wirrungen, Porträts, Liebeserklärungen, Abstürzen, Anekdoten, Abenteuern, voller Kämpfe, Beleidigungen, großer Komik, tiefer Kränkungen, Vernichtungen, Überschwang, Liebe, Wahnsinn, Poesie, Schocks, Grenzerfahrungen, Panik, Selbstaufgaben, Selbsterfahrungen, Glück.

Es zeigt eine Welt, die uns normalerweise verschlossen bleibt, denn niemand von uns kann je die Entstehung einer Theateraufführung – schon gar nicht aus der Perspektive eines Beteiligten – miterleben.

Klaus Pohl aber macht es möglich. Er war 1999 für den Horatio in Peter Zadeks legendärer Inszenierung des Hamlet besetzt. Er probte monatelang mit Angela Winkler, die den Hamlet spielte, mit Ulrich Wildgruber, Otto Sander, Eva Mattes und vielen anderen in Straßburg. Er machte sich Notizen, ursprünglich im Auftrag des Stern. Kein Literaturagent, kein Verlag wollte dieses Buch. Pohl inszenierte deshalb selbst einige Lesungen in Hamburg, fand schließlich einen Produzenten für ein Hörbuch – erst darauf fand sich ein Verlag für das Buch.

Sein oder Nichtsein heißt es, und genau darum geht es.

Klaus Pohl, Sein oder Nichtsein. Galiani. 23 Euro   

Wolf Haas, Müll, Hoffmann und Campe

Es gibt Autoren, von denen ich fast alles lese, Wolf Haas gehört zu ihnen. Auferstehung der Toten, Der Knochenmann, Komm, süßer Tod!, Das ewige Leben, Das Wetter vor 15 Jahren, Junger Mann, und das sind ja längst nicht alle, das ist nur eine zufällig mir einfallende Auswahl.

Seine Dissertation namens Sprachtheoretische Grundlagen der Konkreten Poesie ist mir entgangen, 1990 im Akademischen Verlag erschienen. Der Mann ist Linguist, aber er hat sich irgendwann der praktischen Seite des Fachs zugewandt, wie schön!

Und Verteidigung der Missionarsstellung – Moment, nein, das habe ich nicht gelesen, warum eigentlich nicht?

Keine Ahnung. Es ist auch egal jetzt. Auf Vollständigkeit kommt es nicht an, aber auf dieses Gefühl: Auf den Mann kann man sich verlassen. Er strickt nicht immer die Masche weiter, die mal erfolgreich war, er probiert was aus, er riskiert Neues, er lässt sich was einfallen, er entwickelt sich weiter. Also, das mag ich. In ein Buch von Haas lese ich im Buchladen nicht irgendwie erst rein oder so, ich nehme es einfach mit, wenn es was Neues gibt.

Es gibt auch Romanfiguren, von denen will ich alles wissen. Der Brenner ist so einer, über den Haas neun Romane geschrieben hat. Die gelten gemeinhin als Kriminalromane, spielen aber in diesem Genre eine singuläre Rolle. Was man schon daran merkt, dass ich, als ich in der Kriminalbuchhandlung Glatteis in München herumstand und das Buch bestellen wollte, erfuhr: Sooo gefragt sei der Haas hier im Krimiladen gar nicht.

Und warum nicht?, fragte ich entgeistert.

Die Buchhändlerin war etwas ratlos, sie wisse das auch nicht so genau – vielleicht verstünden manche Leute den Humor nicht?

Da war nun ich wiederum fassungslos, weil ich darauf eben nicht gefasst war: dass man den Brenner nicht mögen könnte. Und dass man die wunderbare Sprache, in der seine Geschichten sozusagen auf mündliche Weise schriftlich erzählt werden, nicht zu verstehen in der Lage sei.

Es ist ja auch egal. Wer vom Brenner, der einst als Kriminalbeamter begann, dann Privatdetektiv wurde, zwischendurch, glaube ich, mal Chauffeur war, und nun auf einem Wiener Wertstoffhof arbeitet (den man dort „Mistplatz“ nennt), wer also vom Brenner noch nie gehört hat, sollte vielleicht erst mal den Knochenmann lesen oder Das ewige Leben.

Müll ist nämlich anfangs nicht ganz so süffig wie einige seiner Vorgänger, bei denen man nach spätestens hundert Seiten im eigenen Alltag genauso zu reden begann wie der Erzähler, also ohne Verben und mit viel Frage nicht / Und du darfst eines nicht vergessen / Jetzt pass auf / Aber interessant oder diesem wunderbaren Wort Hilfsausdruck, nach dem immer ein besonders rarer Begriff kommt. Ein Brenner-Roman ist einem Menschen vom Mund heruntergeschrieben, der eine Geschichte erzählt und sich dabei, wie Leute das nun mal so tun, immer wieder verliert in Nebenbetrachtungen und Untererzählungen.

Genau das führt ja dazu, dass man abends immer ein oder zwei Kapitel mehr liest, als man eigentlich wollte. Man wird da so reingezogen und kann nicht aufhören.

Bei Müll dauert es ein wenig, bis die ganze Sache richtig in Fahrt kommt, aber, das kann ich versprechen: Sie kommt irgendwann in Gang, und dann wird es echt gut.

Mehr hier nicht.

Wahrscheinlich dauert es jetzt wieder acht oder zehn Jahre, bis es noch mal einen Brenner-Roman gibt, aber ich bin sicher, dass ich dann wissen wollen werde: Was ist aus dem eigentlich geworden, seit 2022, seit Müll?

Wolf Haas, Müll. Hoffmann und Campe. 24 Euro.

Florian Klenk, Bauer und Bobo, Zsolnay

Seit Jahrzehnten hat meine Familie eine kleine Wohnung in einem uralten Tiroler Bergbauernhof. Wir nutzen sie vor allem, um von dort aus zum Skifahren zu gehen. Und natürlich sind wir der Familie der Bauern sehr verbunden.

Vor kurzem hat mir die junge Bäuerin ein Buch gegeben, das eigentlich ihrem Mann gehört. Aber der komme mal wieder nicht zum Lesen, sagte sie. Und mich würde es ja vielleicht auch interessieren.

Und ob es mich interessierte! Ich las es noch am selben Tag durch, denn ich hatte ja Zeit. Das Wetter war zu schlecht zum Skifahren, und sowieso schmerzte mein linkes Knie.

Außerdem ist Bauer und Bobo einfach sehr spannend, glänzend geschrieben, hervorragend recherchiert, dafür bürgt der Name des Autors: Florian Klenk ist Chefredakteur des Falter in Wien. Und das Thema interessiert mich nun mal, seit ich als Kind meine Sommerferien Jahr für Jahr auf dem Hof meines Onkels in Westfalen verbrachte und später in Oberbayern lange auf dem Land lebte. Und eben wegen des Tiroler Hofs, in dem sich unsere Wohnung befindet.

Was ist das Thema?

Es geht, im Kern, um das prekäre und manchmal ausweglose Leben der Bergbauern und um die Ursachen dafür: die Klimaveränderungen, die Ruchlosigkeit der Banken, die Bauern geplant in den Ruin treiben, um dann von der Vermarktung ihrer Immobilien zu profitieren, die oft sinnlosen und nur den Falschen nützenden EU-Subventionen.

Klenk kann davon unter anderem deshalb so spannend erzählen, weil er anfangs auch nicht so rasend viel von der Sache verstand, sich dann aber hineingrub in das Problem. Er hatte sich in einer Talkshow, in der es um den Fall einer Touristin ging, die von der Kuh eines Bergbauern getötet worden war, dergestalt geäußert, dass er dem Bauern die Schuld an dem Todesfall gab. Worüber wiederum der Landwirt Christian Bachler so in Rage geriet, dass er in einem Internetvideo gegen Klenk tobte. Das wiederum veranlasste den Journalisten, den Kontakt zu Bachler zu suchen, ihn zu besuchen und auf seinem Hof ein Praktikum zu machen. Woraus dann letztlich vertiefte Kenntnis der Sachverhalte und des prekären Bauernlebens wurde – und übrigens eine Freundschaft, über die Klenk auch schreibt. Denn er rettete am Schluss durch eine Spendenaktion dem Bauern Bachler die Existenz.

Schon aus diesem Grunde ist das Buch kein beliebiges journalistisches Produkt, sondern eine Geschichte voller Teilnahme, Erleben, Polemik, Verzweiflung, Begeisterung, Neugier, Lösungen, Ideen, Einblicke in ganz und gar Unbekanntes und auch zu oft Unausgesprochenes. Deshalb ist das Bauer und Bobo auch ein Beitrag zur Frage, wie man die vielbeschworenen Spaltungen einer Gesellschaft überwinden kann: durch interessiertes Gespräch, nicht durch immer neue Wut.

Florian Klenk, Bauer und Bobo. Zsolnay. 20 Euro