Texte von mir

Aus dem Büro
  • Der Mut der frühen Stunde
    Der Schweizer Autor Lukas Bärfuss, den ich sehr schätze, hat kürzlich der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein langes Interview gegeben. Es ging um den Reichtum der Schweiz, seine von Armut geprägte Kindheit, auch um […]
  • Aus der Bürobibliothek
    Vor langer Zeit habe ich Hackes Tierleben geschrieben, Michael Sowa hat das Buch damals illustriert, und wegen seiner Bilder liebe ich es sehr, weil es so schön ist. Vor drei Jahren hat es […]
  • Über die Heiterkeit
    Für das Magazin ZEITWissen habe ich in den vergangenen Wochen an einem Aufsatz über die Heiterkeit als einer grundsätzlichen Haltung dem Leben gegenüber geschrieben. Es ging darum, wie es gelingen kann, sich eine solche Einstellung […]
  • VON MEINEN ONKELS OTTO UND OSKAR SOWIE EINIGEN ANDEREN LEBENDEN UND ERFUNDENEN MENSCHEN
    In meinem ersten Buch, Nächte mit Bosch, 1991 erschienen, gibt es eine Geschichte namens Mensch, danke, Onkel Oskar. Es geht darin um einen Großonkel von mir, einen Bruder meines Großvaters. Er lebte in Berlin, besuchte […]
  • Auf der Suche nach dem nächsten Buch
    Im Brief des vergangenen Monats hatte ich von der großen Freiheit des Sommers 2022 geschwärmt, davon, dass wir nach dem Abitur der jüngsten Tochter zum ersten Mal seit Jahrzehnten nicht mehr an die […]
  • Ein ganz besonderer Sommer
    Ich schreibe dies im Chiemgau, mit Blick auf eine Wiese, einen Wald und die hierzulande üblichen Berge. Seit Jahrzehnten haben wir nicht nur ein altes Haus in Italien, sondern auch eine kleine Wohnung […]
  • Aus dem Tagebuch eines Lesereisenden
    Gerade habe ich eine ziemlich lange Lesetour hinter mir, elf Auftritte in 17 Tagen, das ist auch für meine Verhältnisse echt viel. Kleinmachnow, Berlin, Dresden, Cottbus, Frankfurt/Main, Nordhorn, Seelze, Fulda, Jena, zwei Mal […]
  • Das Boschste aus meinem Leben
    Mit einer gewissen Rührung notiere ich immer wieder, wie sehr viele Leserinnen und Leser an Bosch, meinem alten Kühlschrank und Freund, hängen. Erwähne ich ihn während einer Lesung, höre ich garantiert irgendwo im […]

Mein Leben in Dingen

Einmal, als es mir eine Zeitlang nicht gut ging, schenkte mir meine Frau diese alte Porzellantasse. Vorne steht „Sei glücklich“. Und tatsächlich, es funktioniert. Immer wenn ich diese Tasse in die Hand nehme, bin ich glücklich. Deshalb tue ich das jeden Tag mindestens einmal, übrigens ohne daraus zu trinken. Ich habe Angst, die Tasse könnte bei Benutzung Schaden nehmen, so dass es mit meinem Büroglück auf der Stelle für immer zu Ende wäre. Und wer weiß: Tränke ich aus der Tasse einen Kaffee oder Tee, vielleicht wäre das Glück, das ich so gewissermaßen als Flüssigkeit zu mir nähme, dann gar nicht mehr auszuhalten?

Ich weiß nicht mehr, woher ich dieses kleine Schwein habe, vermutlich habe ich es vor Jahrzehnten bei irgendeinem Trödler gekauft.

Ich mag Schweine, es sind sehr intelligente, gesellige Tiere, denen viel Unrecht geschieht in dieser Welt. Wobei ich kein Vegetarier bin, aber ein Gegner der Massentierhaltung in ihrer heute so weit verbreiteten Form. Aber wer wäre das nicht!? Schweine aus Holz isst jedoch keiner, und dieses hier ist aus Holz, geschnitzt aus einem Stück, nur das Ringelschwänzchen wurde nachträglich eingesetzt.

Ich nehme es fast jeden Tag einmal in die Hand und betrachte es. Es hat einen missmutigen Gesichtsausdruck und schaut ein wenig feindselig, aber es fasst sich gut an, rundlich und fest.

„Schweine sind uns nah und fern zugleich“, schreibt Thomas Macho in seinem äußerst lesenswerten, in der schönen Reihe Naturkunden bei Matthes & Seitz erschienenen Buch Schweine. „Wer eine Genealogie der Ambivalenz entwerfen wollte, braucht nur die Geschichte der Schweine studieren. Und in ihr den Widerspruch zwischen dem Überfluss des Imaginären, der Allegorien, Sprichworte, Bilder und Artefakte – und der zunehmenden Unsichtbarkeit der Schlachthöfe und Massentierhaltungspraktiken. Einer gesteigerten Sichtbarkeit entspricht eine außerordentliche Blindheit, ein vergessener und verdrängter Alltag der Grausamkeiten, zugleich aber auch eine diffuse Angst und Schuld ...“

Vielleicht stand das einmal im Schaufenster eines Metzgers. Vielleicht auch nicht. Jetzt ist es jedenfalls bei mir. Und da bleibt es auch.

Das ist die Krone des kleinen Königs Dezember. Er hat sie bei mir gelassen, weil er eine kleinere brauchte. Er schrumpft ja immer weiter, und diese wurde ihm zu schwer. Ich bewahre sie sicher unter einem kleinen Glassturz auf, denn sie ist wirklich aus Gold. Rechts daneben sieht man eine Schachtel, die einmal jemand für mich gebastelt hat, dem das Buch gut gefallen hatte: vor allem die Geschichte, in der es um die Träume von Dezember geht, die er nämlich in solchen Schachteln aufbewahrt.

Sie steht immer auf meinem Schreibtisch, ganz in der Nähe der Krone. Und es rührt mich jedes Mal sehr, wenn ich sie sehe: dass die Geschichte des Königs Leute so sehr beschäftigt, dass sie so etwas basteln und es mir schenken.

„Was bewahrst du in diesen Schachteln auf?“, fragte ich.

„Meine Träume“, sagte der König Dezember.

„Deine Träume!?“, rief ich.

„Alle meine Träume“, sagte der König. „In jeder Schachtel ist ein Traum.“

„Aber wie träumst du deine Träume, wenn du sie in Schachteln hast?“, fragte ich.

„Abends, wenn ich schlafen gehe“, sagte der König, „nehme ich eine Schachtel aus dem Regal, stelle sie neben mein Bett und nehme den Deckel ab. Dann schlafe ich ein und träume. Und morgens, wenn ich aufgewacht bin, bleibe ich noch ein bisschen liegen und erinnere mich an die Nacht. Dann tue ich den Traum wieder in die Schachtel und stelle sie ins Regal zurück.“

Die Dose hat mir vor Jahren Peter Kaack geschenkt, weil ihm mein Buch Fußballgefühle so gefallen hatte. Peter war Verteidiger in der Meistermannschaft von Eintracht Braunschweig 1967 und einer der Helden meiner Kindheit. Oft frage ich mich, in welchem Zustand sich der Inhalt dieser Bierbüchse befinden mag. Aber es könnte sein, dass ich es nie erfahren werde.

Ich stelle die Zahnpasta immer auf den Deckel, wie man es ja auch vernünftigerweise machen sollte. Meine Frau legt sie immer hin. Irgendwann fand ich eine Lösung, die uns beiden gerecht wurde, und unsere Ehe hat bis heute gehalten.

In meinem Elternhaus wohnte ein Vertreter von Idee-Kaffee als Untermieter. Der hatte solche Schränkchen für seine Kunden. Als Kind saß ich oft davor und träumte von den Orten, die darauf verzeichnet sind: Timor, Celebes und Menado, von Arabien und Abessinien, auch Bahia, Minas Geraes und Sao Paulo. Ich liebte das Design und den Kaffeegeruch aus dem Lager von Vorräten, die der Vertreter im Keller untergebracht hatte. Und zweitens? Ein Mann wie ich braucht im Büro einen Behälter für Ideen, die er nicht sofort verwerten kann und aufheben muss. Die sind da alle drin.

Bücher, die ich gerade lese

Friedrich Torberg, Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten, dtv

Manchmal werde ich nach meinen Lieblingsbüchern gefragt. Ich nenne zum Beispiel Bohumil Hrabals Schöntrauer und Carson McCullers‘ Die Ballade vom traurigen Café, zwei Werke, die viel zu wenige Menschen kennen.

Was mich aber wirklich schmerzt, das ist: Wenn ich Friedrich Torbergs Die Tante Jolesch erwähne und Leute dann sagen, sie hätten davon nie gehört.

Es ist schlimm, nein, es ist schlimmer: Es ist traurig.

Friedrich Torberg, 1908 in Wien geboren und 1979 dort gestorben, war Schriftsteller und Journalist, Drehbuchautor und Publizist, Polemiker und Übersetzer (von Ephraim Kishons Büchern nämlich), ein, wie er das selbst nannte, tschechischer Österreicher und Jude, Emigrant und Antikommunist. Er hat mindestens einen großartigen Roman geschrieben, Der Schüler Gerber, konnte vor den Nazis noch gerade eben so in die USA fliehen, kehrte 1951 nach Wien zurück, blieb aber us-amerikanischer Staatsbürger. Seine Frau Marietta, mit der er 17 Jahre lang verheiratet war, sagte einmal über ihn, er bestehe „zu mindestens fünfzig Prozent aus Humor“. Auf dem Wiener Zentralfriedhof liegt er in einem Ehrengrab, neben Arthur Schnitzler übrigens, das war sein Wunsch.

Die Tante Jolesch hat den Untertitel Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten, was einerseits ironisch auf Oswald Spenglers Der Untergang des Abendlandes anspielt, andererseits die Hauptform des Buches annonciert: die Anekdote eben.

Dies ist ein geistreiches, unglaublich komisches, weises, wehmütiges, melancholisches, heiteres, reiches und gerade deshalb auch trauriges Buch. Denn die Welt, die Torberg schildert, die des jüdischen Bürgertums in Österreich, Ungarn und Prag, die gibt es selbstverständlich nicht mehr. Es war die Welt von Egon Erwin Kisch, Franz Molnár, Alfred Polgar, Max Brod (der übrigens Torbergs Entdecker war), es war die des Prager Tagblatts, eines Kellners namens Neugröschl und eines Religionslehrers namens Grün und des Journalisten Tschuppik, der davon träumte, eine Tageszeitung namens Der Arsch zu gründen, die dann von den Verkäufern abends den aus der Oper Herauseilenden mit tonlos geschäftsmäßiger Stimme angepriesen würde: Der Oasch ... der Oasch ... der Oasch.

Den Anwalt Sperber möchte ich erwähnen. Der verteidigte einmal einen Einbrecher, dem zwei Taten zur Last gelegt wurden, eine bei Tag begangen, eine im Schutz der Nacht. Der Staatsanwalt prangerte die Frechheit des Mannes an, der am helllichten Tag einbreche, wenn niemand damit rechne, dann wieder im Schutz der Dunkelheit – worauf Sperber ihn mit den Worten unterbrach: „Herr Staatsanwalt, wann soll mein Klient eigentlich einbrechen?“

Mehr erzähle ich nicht. Lesen Sie bitte das Buch endlich, wenn tatsächlich auch Sie es noch nie gelesen haben sollten, bitte!

Friedrich Torberg, Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten, dtv, 12 Euro

Hans Woller, Mussolini. Der erste Faschist.  C.H. Beck

Bis zur Olivenernte war ich heuer viel in Italien. Da konnte das große Erschrecken über die italienische Politik nicht ausbleiben. Als Deutscher halte ich mich immer sehr zurück, wenn es um dieses Thema geht, ich möchte nicht belehrend oder besserwissend erscheinen. Andererseits sind meine italienischen Freunde selbst sehr erschrocken gewesen über das letzte Wahlergebnis, das unter anderem zur Wahl eines bekennenden Mussolini-Anhängers ins zweithöchste Amt des Staates, das des Senatspräsidenten geführt hat. Der Mann heißt Ignazio Benito La Russa, beherbergt in seiner Mailänder Privatwohnung etliche Mussolini-Devotionalien, die er Besuchern auch gerne vorführt, und zeigte 2017 im Parlament den sogenannten Römischen Gruß, in Italien das Pendant zum Hitlergruß.

Im Oktober habe ich deshalb endlich Hans Wollers bei C.H. Beck erschienene Mussolini-Biographie gelesen: Mussolini. Der erste Faschist. Woller war lange Chefredakteur der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, arbeitete in den achtziger Jahren am Deutschen Historischen Institut in Rom und schrieb einiges über die italienische Geschichte. Vor einigen Jahren veröffentlichte er ein vorzügliches Buch über das Leben des Fußballers Gerd Müller, gerade erst kam Jagdszenen aus Niederthann heraus, die Rekonstruktion eines rassistischen Verbrechens in einem oberbayerischen Dorf in den siebziger Jahren.

Woller zeichnet ein sehr differenziertes Porträt des Duce, der bis heute in Italien Gegenstand etlicher Legenden ist. (Wobei nicht vergessen werden sollte, dass Italien auch eine großartige Geschichte der Resistenza, des Widerstands gegen den Faschismus, hat!) Seine Schandtaten und die seines Regimes wurden nie angemessen gesühnt oder auch nur breit thematisiert: Giftgaseinsätze in Libyen, Kriegsverbrechen in Jugoslawien, das Aushungern der Bevölkerung in Griechenland, Massenmorde in Abessinien, der brutale Antisemitismus. Nein, der Rassist Mussolini, dessen Milizen in den Jahren 1919 bis 1922 Tausende von Italienern ermordeten, ist  bis heute mancherorts Gegenstand der Verehrung, nicht nur in seinem Geburtsort Predappio. In nicht wenigen Souvenirshops im Lande kann man sein Bildchen käuflich erwerben, und viele tun das wohl auch.

Vielleicht müsste allerdings das Schlusskapitel des Buches, 2014 verfasst, heute überarbeitet werden. Woller schrieb damals: „Namentlich die Gefahr einer Renaissance des Faschismus ist heute gering.“ Und auch: „Mittlerweile ist das parteipolitische Kapital des Neofaschismus fast restlos aufgebraucht.“

Könnte sein, dass man das heute anders beurteilen muss.

Hans Woller, Mussolini. Der erste Faschist.  C.H. Beck, 26,95 EUR

Christian Zaschke, Hell’s Kitchen – Stories aus Manhattan, Ullstein

Von Christian Zaschke habe ich schon immer alles gelesen, was ich kriegen konnte, früher seine Sportreportagen, später seine Geschichten und Kolumnen aus London, heute das, was er aus New York berichtet. Zaschke hat einen ganz besonderen Ton, heiter, entspannt, witzig, melancholisch, immer eindeutig, wenn es um Donald Trump und die Knallchargen in seinem Gefolge geht, und sehr menschenfreundlich, wenn es um all die anderen Leute in den USA geht, die seine Freundlichkeit verdienen. 

In Manhattan wohnt er im 17. Stock eines ehemaligen Schwesternwohnheims im Stadtteil Hell’s Kitchen, wo ich auch noch nie war. (Aber das gilt für die meisten Orte der Welt.) Aus seinem Apartment dort hat er lange in einer wöchentlichen Kolumne für eine gewisse Süddeutsche Zeitung berichtet, die erstens aus unerklärlichen Gründen in diesem Blatt ziemlich kunstvoll versteckt war und zweitens aus noch viel unerklärlicheren Gründen irgendwann eingestellt wurde. 

Aber nun erscheinen die Texte gesammelt im Buch. Und wer noch nie etwas von Zaschkes Friseur Robert gehört hat, der mit zitternden Händen jeden Haarschnitt zu ruinieren versteht, wer nichts von der exzellenten Schrottbar namens Rudy’s weiß, und wer keinen Schimmer hat, wie der Hausmeister Giovanni Colon tickt, dessen Name sich, je nachdem, wie man gerade auf ihn zu sprechen ist, mit Johannes Doppelpunkt oder Johannes Dickdarm übersetzen lässt, wer also dermaßen kenntnislos ist, dass er all diese höchst unterhaltsamen Geschichten aus Zaschkes Mikrokosmos nicht kennt – dem gratuliere ich herzlich. 

Er hat ein wunderbares Lese-Erlebnis vor sich. 

Allen anderen gratuliere ich auch. Sie können diese herrlichen Miniaturen nun noch einmal lesen, nicht Woche für Woche, sondern wann immer sie möchten. 

Und das wird, da bin ich sicher, sehr oft sein.  

Christian Zaschke, Hell’s Kitchen, Stories aus Manhattan. Ullstein. 15,99 Euro