Texte von mir

Aus dem Büro
  • Auf der Suche nach dem nächsten Buch
    Im Brief des vergangenen Monats hatte ich von der großen Freiheit des Sommers 2022 geschwärmt, davon, dass wir nach dem Abitur der jüngsten Tochter zum ersten Mal seit Jahrzehnten nicht mehr an die […]
  • Ein ganz besonderer Sommer
    Ich schreibe dies im Chiemgau, mit Blick auf eine Wiese, einen Wald und die hierzulande üblichen Berge. Seit Jahrzehnten haben wir nicht nur ein altes Haus in Italien, sondern auch eine kleine Wohnung […]
  • Aus dem Tagebuch eines Lesereisenden
    Gerade habe ich eine ziemlich lange Lesetour hinter mir, elf Auftritte in 17 Tagen, das ist auch für meine Verhältnisse echt viel. Kleinmachnow, Berlin, Dresden, Cottbus, Frankfurt/Main, Nordhorn, Seelze, Fulda, Jena, zwei Mal […]
  • Das Boschste aus meinem Leben
    Mit einer gewissen Rührung notiere ich immer wieder, wie sehr viele Leserinnen und Leser an Bosch, meinem alten Kühlschrank und Freund, hängen. Erwähne ich ihn während einer Lesung, höre ich garantiert irgendwo im […]
  • Von Pupsmännern und Arschgesichtern
    Vor ungefähr drei Jahren schrieb ich im Süddeutsche Zeitung Magazin eine Kolumne, die so begann: „Leserin W. erzählte mir folgende Anekdote: Ihre zwei Töchter, zwei und vier Jahre alt, sitzen mit ihr am […]
  • Ein Haus für viele Sommer
    Axel Hacke zuhören: Selber lesen: Hundert Meter entfernt von unserem Turm, von dem ich berichten werde, in einer kleinen Seitengasse des Dorfes, haben wir eine Cantina, in der wir Fahrräder aufbewahren, auch eine Vespa, […]
  • Eine Kolumne zweipunkto
    Anfang Dezember erschien Das Beste aus aller Welt im Süddeutsche Zeitung Magazin als Liebeserklärung an das kleine o. (Wer mag, kann das hier nachlesen, es kostet aber etwas, wie so vieles in der […]
  • „Hier waren wir schon“
    Es gibt ordentliche Menschen, die ordentliche Büros haben und unordentliche Menschen mit unordentlichen Arbeitszimmern. Dann gibt es noch unordentliche Menschen in ordentlichen Büros. Aber das sind Leute, die jemanden haben, der für sie […]

Mein Leben in Dingen

Einmal, als es mir eine Zeitlang nicht gut ging, schenkte mir meine Frau diese alte Porzellantasse. Vorne steht „Sei glücklich“. Und tatsächlich, es funktioniert. Immer wenn ich diese Tasse in die Hand nehme, bin ich glücklich. Deshalb tue ich das jeden Tag mindestens einmal, übrigens ohne daraus zu trinken. Ich habe Angst, die Tasse könnte bei Benutzung Schaden nehmen, so dass es mit meinem Büroglück auf der Stelle für immer zu Ende wäre. Und wer weiß: Tränke ich aus der Tasse einen Kaffee oder Tee, vielleicht wäre das Glück, das ich so gewissermaßen als Flüssigkeit zu mir nähme, dann gar nicht mehr auszuhalten?

Ich weiß nicht mehr, woher ich dieses kleine Schwein habe, vermutlich habe ich es vor Jahrzehnten bei irgendeinem Trödler gekauft.

Ich mag Schweine, es sind sehr intelligente, gesellige Tiere, denen viel Unrecht geschieht in dieser Welt. Wobei ich kein Vegetarier bin, aber ein Gegner der Massentierhaltung in ihrer heute so weit verbreiteten Form. Aber wer wäre das nicht!? Schweine aus Holz isst jedoch keiner, und dieses hier ist aus Holz, geschnitzt aus einem Stück, nur das Ringelschwänzchen wurde nachträglich eingesetzt.

Ich nehme es fast jeden Tag einmal in die Hand und betrachte es. Es hat einen missmutigen Gesichtsausdruck und schaut ein wenig feindselig, aber es fasst sich gut an, rundlich und fest.

„Schweine sind uns nah und fern zugleich“, schreibt Thomas Macho in seinem äußerst lesenswerten, in der schönen Reihe Naturkunden bei Matthes & Seitz erschienenen Buch Schweine. „Wer eine Genealogie der Ambivalenz entwerfen wollte, braucht nur die Geschichte der Schweine studieren. Und in ihr den Widerspruch zwischen dem Überfluss des Imaginären, der Allegorien, Sprichworte, Bilder und Artefakte – und der zunehmenden Unsichtbarkeit der Schlachthöfe und Massentierhaltungspraktiken. Einer gesteigerten Sichtbarkeit entspricht eine außerordentliche Blindheit, ein vergessener und verdrängter Alltag der Grausamkeiten, zugleich aber auch eine diffuse Angst und Schuld ...“

Vielleicht stand das einmal im Schaufenster eines Metzgers. Vielleicht auch nicht. Jetzt ist es jedenfalls bei mir. Und da bleibt es auch.

Das ist die Krone des kleinen Königs Dezember. Er hat sie bei mir gelassen, weil er eine kleinere brauchte. Er schrumpft ja immer weiter, und diese wurde ihm zu schwer. Ich bewahre sie sicher unter einem kleinen Glassturz auf, denn sie ist wirklich aus Gold. Rechts daneben sieht man eine Schachtel, die einmal jemand für mich gebastelt hat, dem das Buch gut gefallen hatte: vor allem die Geschichte, in der es um die Träume von Dezember geht, die er nämlich in solchen Schachteln aufbewahrt.

Sie steht immer auf meinem Schreibtisch, ganz in der Nähe der Krone. Und es rührt mich jedes Mal sehr, wenn ich sie sehe: dass die Geschichte des Königs Leute so sehr beschäftigt, dass sie so etwas basteln und es mir schenken.

„Was bewahrst du in diesen Schachteln auf?“, fragte ich.

„Meine Träume“, sagte der König Dezember.

„Deine Träume!?“, rief ich.

„Alle meine Träume“, sagte der König. „In jeder Schachtel ist ein Traum.“

„Aber wie träumst du deine Träume, wenn du sie in Schachteln hast?“, fragte ich.

„Abends, wenn ich schlafen gehe“, sagte der König, „nehme ich eine Schachtel aus dem Regal, stelle sie neben mein Bett und nehme den Deckel ab. Dann schlafe ich ein und träume. Und morgens, wenn ich aufgewacht bin, bleibe ich noch ein bisschen liegen und erinnere mich an die Nacht. Dann tue ich den Traum wieder in die Schachtel und stelle sie ins Regal zurück.“

Die Dose hat mir vor Jahren Peter Kaack geschenkt, weil ihm mein Buch Fußballgefühle so gefallen hatte. Peter war Verteidiger in der Meistermannschaft von Eintracht Braunschweig 1967 und einer der Helden meiner Kindheit. Oft frage ich mich, in welchem Zustand sich der Inhalt dieser Bierbüchse befinden mag. Aber es könnte sein, dass ich es nie erfahren werde.

Ich stelle die Zahnpasta immer auf den Deckel, wie man es ja auch vernünftigerweise machen sollte. Meine Frau legt sie immer hin. Irgendwann fand ich eine Lösung, die uns beiden gerecht wurde, und unsere Ehe hat bis heute gehalten.

In meinem Elternhaus wohnte ein Vertreter von Idee-Kaffee als Untermieter. Der hatte solche Schränkchen für seine Kunden. Als Kind saß ich oft davor und träumte von den Orten, die darauf verzeichnet sind: Timor, Celebes und Menado, von Arabien und Abessinien, auch Bahia, Minas Geraes und Sao Paulo. Ich liebte das Design und den Kaffeegeruch aus dem Lager von Vorräten, die der Vertreter im Keller untergebracht hatte. Und zweitens? Ein Mann wie ich braucht im Büro einen Behälter für Ideen, die er nicht sofort verwerten kann und aufheben muss. Die sind da alle drin.

Bücher, die ich gerade lese

Annie Ernaux, Die Jahre, Surkamp

Annie Ernaux war mir bis vor Kurzem kein Begriff, was einerseits beschämend ist, denn sie gehört zu den bedeutendsten französischen Autorinnen unserer Zeit. 

Andererseits ist es auch nicht so schlimm, weil ich Bücher ja nicht aus bildungsbürgerlichen Gründen lese oder um auf der Höhe der Zeit zu sein. Sondern ich lese sie, weil sie mir vielleicht etwas bedeuten, mein Leben und Denken beeinflussen könnten. (Und natürlich zur Entspannung, aber das ist ein anderes Thema.) Und dann ist es eigentlich nie zu spät, eine Autorin kennenzulernen.  

Von Annie Ernaux jedenfalls hatte ich im Newsletter Der siebte Tag des geschätzten Kollegen Nils Minkmar gelesen: in Frankreich sei ein neues Buch von ihr erschienen, dass man unbedingt lesen sollte. Aber da dieses Werk erst im Oktober auf deutsch erscheinen wird, beschloss ich, mir zunächst einmal Ernaux‘ bisher bedeutendstes Werk zu kaufen, und das sind nun einmal nach allgemeinem Urteil Die Jahre, erschienen 2008 in Frankreich und erst 2017 in Deutschland. (Aha, ich bin also nicht allein mit dem Hinterherdackeln, auch die Verlage sind es.) 

Die Jahre ist ein autobiographisches Buch. Und was allgemein daran – zu Recht – gerühmt wird, ist, dass es eine neue Form autobiographischen Erzählens begründete (na ja, wenn’s jemand­ ­nachmachen würde) oder jedenfalls darstellt: eine Form, in der nicht vom „Ich“ die Rede ist, sondern in der die Erzählerin von sich selbst in der dritten Person spricht, von „Man“, und in der sie von ihrem eigenen Leben nicht „vor dem Hintergrund“ des Zeitgeschehens berichtet, sondern es quasi als dessen Bestandteil darstellt. Private Erinnerungen werden so eine gesellschaftliche Erzählung, und das Ich ist nicht so sehr der Motor des eigenen Lebens (wie in vielen anderen und nach der Lektüre dieses Buches bisweilen banal erscheinenden Autobiographien). Sondern ein Teil dessen, was man das Große und Ganze nennen könnte, wenn man wollte. 

Ernaux ist Jahrgang 1940, man liest also von der Algerienkrise, von de Gaulle und den 68ern in Frankreich, von Mitterrand und Sarkozy, man versteht Frankreich ein bisschen besser, aber darum geht es eigentlich nicht. Viel wichtiger ist die Methode des Erzählens, die andauernde Reflektion, das Innehalten, Zaudern, Noch-einmal-Betrachten, das Anschauen der Fotografien des eigenen Lebens, der Momente: „das Licht einzufangen, das auf jetzt unsichtbare Gesichter fällt, auf Tischdecken mit verschwundenem Essen, ein Licht, das schon in den Erzählungen ihrer Kindheit da gewesen war, bei den sonntäglichen Familienessen, und das sich seither auf alles gelegt hat, was sie erlebte, ein früheres Licht“.  

Das ist diese Autobiographie: nicht das Nacherzählen und die Erklärung oder Verklärung eines Lebens, sondern die Suche nach der großen Welt, den Träumen einer Zeit, den Gefühlen der Vergangenheit in einem einzelnen Menschen.

Annie Ernaux, Die Jahre. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Suhrkamp Taschenbuch. 11 Euro­

Andrej Kurkow, Graue Bienen, Diogenes

Andrej Kurkows neuesten Roman sah ich auf dem Arbeitstischchen der Inspizientin im Dresdner Staatstheater liegen, kurz bevor sie mich auf die Bühne schickte.

Wie das Buch denn so sei, fragte ich noch schnell.

Sie wisse es nicht, sagte die Kollegin, sie sei ganz am Anfang.

Am nächsten Tag machte ich einen Spaziergang durch die Dresdner Neustadt, sah das Buch in einem Laden und kaufte es.

Es ist wunderbar.

Kurkow kannte ich nicht, Schande auf mein Haupt. Er ist der bekannteste lebende Schriftsteller der Ukraine, wurde in St. Petersburg geboren, lebt seit seiner Kindheit in Kiew, schreibt auf Russisch, ist Präsident des PEN Clubs der Ukraine. Er gehört also zum russischsprachigen Teil der ukrainischen Bevölkerung. Und er ist ein scharfer Gegner des Mörders Putin.

Graue Bienen ist in der Originalausgabe 2018 erschienen. Seine Hauptfigur ist der Frührentner Sergej Sergejitsch, der in einem Dorf in der sogenannten Grauen Zone im Donbass lebt, zwischen den Fronten der russischen Separatisten und der ukrainischen Verteidiger. Fast alle Einwohner haben das Dorf verlassen, nur Sergej lebt noch hier und Paschka, sein Freundfeind aus Schulzeiten, den er nicht leiden kann, mit dem er sich aber dennoch arrangiert hat, sich ja auch arrangieren musste. Ab und zu schlagen Raketen ein, ein Scharfschütze wird von einer Mine zerrissen, auf einem Acker liegt ein Toter, dessen Leichnam niemand birgt. Es gibt keinen Laden mehr, Strom nur manchmal. Sergejs Frau hat ihn samt der Tochter verlassen. Dennoch ist Sergej nicht unzufrieden oder verbittert. Er lebt sein Leben so dahin und freut sich im Winter auf das Frühjahr, in dem die Bienen aus den sechs Stöcken, die er besitzt, ausfliegen werden.

Als dieser Frühling dann beginnt, hält er es aber nicht mehr aus. Er lädt die Bienen auf den Anhänger seines Schiguli, fährt los, landet im Donbass, lässt sie fliegen, dieses friedliche, arbeitsame, produktive und gut organisierte Volk, lernt eine Frau kennen, muss die Gegend aber verlassen, weil …

Egal, lesen Sie selbst.

Er landet schließlich auf der Krim, wo … Lesen Sie, wenn Sie etwas wissen wollen über die Ukraine, die Menschen, die dort leben, ihren Alltag, ihre Feinde, ihre Gefühle, ihre Schicksale. Und über den großen Autor Kurkow.

Lesen Sie, bitte!

Andrej Kurkow, Graue Bienen. Aus dem Russischen von Johanna Marx und Sabine Grebing. Diogenes. 13 Euro

Klaus Pohl, Sein oder Nichtsein, Galiani

Dieses Buch ist großartig. Es ist ein Wunder, einmalig in seiner Art. Es ist ein Schatz voller Geschichten, Irrungen und Wirrungen, Porträts, Liebeserklärungen, Abstürzen, Anekdoten, Abenteuern, voller Kämpfe, Beleidigungen, großer Komik, tiefer Kränkungen, Vernichtungen, Überschwang, Liebe, Wahnsinn, Poesie, Schocks, Grenzerfahrungen, Panik, Selbstaufgaben, Selbsterfahrungen, Glück.

Es zeigt eine Welt, die uns normalerweise verschlossen bleibt, denn niemand von uns kann je die Entstehung einer Theateraufführung – schon gar nicht aus der Perspektive eines Beteiligten – miterleben.

Klaus Pohl aber macht es möglich. Er war 1999 für den Horatio in Peter Zadeks legendärer Inszenierung des Hamlet besetzt. Er probte monatelang mit Angela Winkler, die den Hamlet spielte, mit Ulrich Wildgruber, Otto Sander, Eva Mattes und vielen anderen in Straßburg. Er machte sich Notizen, ursprünglich im Auftrag des Stern. Kein Literaturagent, kein Verlag wollte dieses Buch. Pohl inszenierte deshalb selbst einige Lesungen in Hamburg, fand schließlich einen Produzenten für ein Hörbuch – erst darauf fand sich ein Verlag für das Buch.

Sein oder Nichtsein heißt es, und genau darum geht es.

Klaus Pohl, Sein oder Nichtsein. Galiani. 23 Euro