Leserin R. schickte mir ein Bild aus der Landshuter Zeitung, auf dem demonstrierende Landwirte abgebildet waren mit ein Plakat und der Aufschrift Sie sähen nicht, sie ernten nicht aber sie wissen alles besser. Sie fand das witzig und ich auch, also postete ich es auf meiner Facebook-Seite, nicht übrigens, weil ich zum Ankläger der doofen Bauern, die keine Orthographie können, aufschwingen wollte, sondern … verstehen Sie? Also … weil ich es halt lustig fand.

Ich schrieb also dazu: Ich säe was, was du nicht siehst.

Dann lernte ich, dass heute nichts einfach nur lustig ist.

Hunderte von Leuten schrieben, so zum Beispiel.

Wie armselig sich an einem Rechtschreibfehler so hoch zu ziehen. Ich bin den Landwirten für ihr Handeln sehr dankbar, schrieb Frau S.

Schon interessant, an was sich manche Schreiber hier abreagieren. Niemand ist Perfekt, meldete Herr V.

Ein Rechtschreibfehler, oh mein Gott... Da hast du es den Bauern aber mal gezeigt. Damit ist aller Protest natürlich komplett delegitimiert. Ein Hoch auf unsere Regierung!!!!, teilte Herr L. mit.

Oder so.

Frau R.: Natürlich passieren mir auch Rechtschreibfehler. Aber wenn ich ein Plakat in die Öffentlichkeit bringe, lese ich es vorher nochmal durch. Und wenn ich mir unsicher bin, vergewissere ich mich. Das hat für mich etwas mit Respekt gegenüber denen zu tun, die das Plakat lesen.

Herr S.: Wenn man die Anderen als Besserwisser betitelt, sollte man aber doch seinen eigenen Arbeitsbereich fehlerfrei beschreiben können. Dann klappt es bestimmt auch besser mit den Verhandlungen mit Müller und den Discountern.

Herr M.: bestimmt einer von denen, die die Fehre stürmen wollten!

Liebe Freundinnen und Freunde, hätte ich am liebsten geschrieben, mir ging es weder darum, jemanden wegen eines Fehlers anzuklagen noch überhaupt diesen Fehler zu bemängeln. Ich verstehe gut, wenn ein Landwirt Rechtschreibfehler macht, so wie ich es auch verstehe, wenn jemand, der nicht hier geboren ist, im Deutschen Fehler macht. Ich mache zum Beispiel im Italienischen selbst immerzu schreckliche und lächerliche Fehler.

Aber Sprache hat ihre eigenen Gesetze, sie ist im Richtigen wie im Fehlerhaften manchmal lustig. Um nichts anderes ging es mir. Ich habe einige Bücher darüber geschrieben, von Oberst von Huhn bittet zu Tisch bis Im Bann des Eichelhechts.

Aber soll ich mich in jedem Facebook-Post langwierig erklären? Keine Lust.

Es waren nahezu tausend Kommentare. Wobei es ja nicht lange bei der Rechtschreibung blieb. Im Nu ging es nämlich um die Demonstrationen der Bauern.

Herr T. schrieb: Sie säen nicht, sie ernten nicht, denn sie halten uns Arbeitende von der Arbeit ab, weil sie den Hals nicht voll bekommen.

Dann ging es richtig los. Von Frau M. (Bei dem kommt das Essen aus dem Supermarkt. Der macht sich keine Gedanken, wo es herkommt.) bis zu Herrn G. Er schrieb: a********, tatsächlich, die Zahl der Sternchen war exakt abgezählt, es passt. Wobei ich ja finde, wer Arschloch meint, aber a******** schreibt, ist mindestens ein Spießer, auf jeden Fall aber ein Feigling.

Außerdem, wenn schon, würde ich doch lieber Aoooooooo schreiben.

Es war jedenfalls alles dabei, von längeren Elaboraten über die Lage der Landwirtschaft bis hin zu knappen oder auch ausführlicheren Beleidigungen, die ich dann immer gleich lösche. Unfassbar eigentlich.

Aber es zeigt doch: Der Kampf gegen die Humorlosigkeit ist mindestens so wichtig wie der gegen den Faschismus.

Eigentlich ist es sowieso das Gleiche. Wobei: Nicht jeder Humorlose ist ein Faschist, aber alle Faschisten sind humorlos. Putin auch. Erdogan. Trump. Die Islamisten.

Aber da war noch was.

Am Schluss postete jemand das Bild eines Traktors, der ein Transparent trug, darauf die Frage, warum wir Radwege in Peru finanzierten, wenn unsere eigenen Brücken marode seien.

Tatsächlich war auf den Demonstrationen der Bauern immer wieder von den Radwegen in Peru die Rede, auch die Summe von 315 Millionen Euro tauchte auf, mit der wir angeblich Radwege in Peru bezahlten, wobei Radwege in Peru verdächtig nahe am Sack Reis in China ist. Soll heißen: Was geht’s uns an?

Das ist ja die große Frage unserer Zeit: Was geht uns die Welt an?

Geht man der Sache nach (wie es einige Journalisten getan haben), stellt man fest, dass von den 315 Millionen Euro zum ersten Mal in einer Rede der früheren AfD-Abgeordneten Joana Cotar (heute fraktionslos im Bundestag) war: 315 Millionen für Busse und Radwege in Peru, und warum wir sowas bezahlten. Sonst hat niemand die Zahl irgendwo gefunden. Was nichts daran änderte, dass sie seitdem fleißig benutzt wird. So ist das nun mal.

Ich mache es kurz: Aus den Zahlen des Entwicklungsministeriums geht hervor, dass Deutschland 2020 (der zuständige Minister hieß Gerd Müller von der CSU) einen Zuschuss für den Ausbau eines Radschnellwegenetzes in Lima genehmigte, einer der Städte mit der schlimmsten Luftverschmutzung auf der Welt. Zur gleichen Zeit wurden 55 Millionen als Kredit für den Aufbau eines umweltschonenden Bussystems gegeben. 2022 wurde weitere 24 Millionen Euro für Radwege in Peru zugesagt, ebenso weitere hundert Millionen als Kredit, vergeben durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Kredite sind rückzahlbar, Zuschüsse nicht.

Von 315 Millionen keine Spur.

Jetzt wäre noch die Frage, ob es richtig ist, wenn eines der reichsten Länder der Welt, dessen Wohlstand nicht ganz ohne jeden Zusammenhang mit der Ausbeutung ärmerer Regionen ist, ein armes Land bei der Bekämpfung der Klimakrise unterstützt. Ich finde schon. Ich halte das für gerecht und vernünftig.

Man kann aber auch sagen: Die Welt ist uns egal, wir allein sind wichtig.

Aber das gehört nicht hierher.

Hierher gehört schon eher ein anderer Punkt: wie nämlich unbegründete Behauptungen und falsche Zahlen ihren Weg in die Öffentlichkeit finden. Man behauptet sowas einmal im Bundestag, dann wird es von den passenden Medien wiederholt und noch mal wiederholt, dann kursiert es in den sozialen Medien und am Ende landet es als Transparent auf einem Trecker.

So geht das mit den Lügen. So sät man sie. Und hofft, eines Tages zu ernten. Es wäre dumm, wenn wir das nicht sähen.