KARPALTUNNELSYNDROM![]() Kaum hatte ich mein neues Buch beendet und ein bisschen Urlaub gemacht, kam ich den zunehmend dringlicheren Aufforderungen einiger Ärzte zu einer kleinen Hand-Operation nach: Karpaltunnelsyndrom. Die Finger werden dabei ein bisschen taub, die Hand schmerzt manchmal und schläft ein. Frauen leiden dreimal öfter als Männer unter dieser Geschichte, aber ich bin eben einer von den Männern. Der kleine Tunnel am Handgelenk, durch den unter anderem der Mittelarmnerv zur Hand und den Fingern läuft, ist ein bisschen zu eng geworden. Er wird von einem Chirurgen geöffnet, dann hat der Nerv wieder Platz, der Druck auf ihn lässt nach und alles wird wieder gut. Dauert zwanzig Minuten. Das Blöde ist: Der Arzt hat mir für einige Tage, sogar Wochen, das Schreiben verboten. Und das ist in meinem Fall berufseinschränkend. Es ist die rechte Hand, und ich bin kein Linkshänder. Also diktiere ich diesen Text, was eigentlich ganz bequem ist, aber nun mal gegen meine Gewohnheit. Kolumnen und Bücher könnte ich so nicht verfassen. Das Ganze wäre ein schönes Kapitel für mein Buch AUA! gewesen, aber dafür kam es nun mal zu spät. Macht auch nichts, es hätte eh nicht mehr reingepasst. Übrigens fällt mir bei dieser Gelegenheit wieder einmal auf, dass wir im Gegensatz zu verbreiteten Auffassungen in großartigen Zeiten leben: Früher hätte man so etwas nicht gut behandeln können. Die Folge: Muskelschwund, Lähmungen Gefühlsstörungen, alles ziemlich übel, und die rechte Hand wäre überhaupt nie mehr richtig zu gebrauchen gewesen. Heute geht man zu einem Arzt und die Sache wird behoben. Wie toll ist das denn! ![]() |
| WIE FÜHLST DU DICH? Im Juni habe ich das Manuskript für das neue Buch abgegeben, übernächste Woche sitze ich schon im Studio und lese das Hörbuch, am 1. Oktober erscheint Wie fühlst du dich? dann. Ich glaube, ich habe noch nie so intensiv an einem Buch gearbeitet, ein halbes Jahr lang jeden Tag, sieben Tage die Woche, von ein paar Feiertagen mal abgesehen – und von den Tagen natürlich, an denen ich meine Kolumne und den Newsletter geschrieben habe. Es ist ein Buch über all die Gefühle geworden, die uns in diesen Zeiten bewegen, von Angst über Wut und Hass bis zur Einsamkeit und der Sehnsucht nach Verbundensein und Hoffnung. Kein überwältigend lustiges Werk, aber eines, das mir wichtig ist wie kaum ein anderes und das ich mir wirklich von der Seele geschrieben habe. Dem Thema Über die Heiterkeit in schwierigen Zeiten ist es sehr eng verbunden, auf eine Weise, die sich beim Lesen sicher erschließen wird. ![]() Mit Sabine Cramer, meiner Verlegerin bei Dumont, habe ich für die Verlagsvorschau ein Gespräch geführt, hier ist es. Wie fühlst du dich? – oder auch: Wie sieht es aus, unser Innenleben in diesen Zeiten? Also, wir leben ja heute quasi in Gefühlsgewittern und bisweilen war es in den vergangenen Jahren so, dass man – durchnässt von schlechten Nachrichten – Schutz suchen musste vor der Niedergeschlagenheit, die all diesen Niederschlägen folgte. Die Welt scheint an solchen Tagen kaum noch auszuhalten und am liebsten würde man sich wie ein Bettler an den Straßenrand setzen, einen leeren Hut vor sich stellen und ein Schild dazu, auf dem man nicht um Geld bäte, sondern um gute Nachrichten. Die Folgen dieser Lage sind offensichtlich. Wir sind überfordert, emotional ausgelaugt, desillusioniert, ängstlich und fühlen uns ohnmächtig. Kein schöner Zustand. Können wir von deinem neuen Buch denn gute Nachrichten erwarten? Ich würde kein Buch schreiben, nach dessen Lektüre es einem schlechter geht als vorher, im Gegenteil. Mir persönlich ist es immer darum gegangen, zu verstehen, wie ich mit meinen Gefühlen so umgehen kann, dass sie mir helfen und mich nicht beeinträchtigen. Das gilt für Angst und Wut genauso wie für die Suche nach Liebe, Hoffnung, Zuversicht oder Verbundensein. So wie wir unseren Verstand und unseren Körper schulen, kann man das doch auch mit den eigenen Emotionen tun. Wir brauchen eine Art Gefühlsschule. Was hat dich bewogen, in diesen politisch so ereignisreichen Zeiten ausgerechnet ein Buch über Gefühle zu schreiben? Gibt es im Moment ein politischeres Thema als Gefühle? Wir sind umgeben von Wut und Hass. Wir haben so viel Angst vor der Zukunft wie noch nie, fühlen uns erschöpft. Viele Menschen sind verbittert, einsam. Andere sehnen sich nach mehr Zusammenhalt. Und dann haben wir in Amerika an führender Stelle Leute, die in Therapie gehören, nicht in politische Verantwortung. Aber Populisten sind Meister in Gefühlspolitik, die sozialen Medien sind rein emotionsgesteuert und ihnen zu Diensten. Sie befeuern Angst und Hass, statt das Gegenteil zu tun und aufzuklären, wie es vernünftig wäre. Wir stehen fast hilflos davor. Das sollte so nicht bleiben. Deswegen müssen wir uns nicht nur mit individuellen Gefühlen, sondern auch mit gesellschaftlichen Gefühlslagen beschäftigen, viel mehr als bisher. Hat sich dein Umgang mit Gefühlen im Lauf deines Lebens geändert? Mit Sicherheit. Ich bin ja in den sechziger und siebziger Jahren in mehr oder weniger gefühlsblinden Zeiten aufgewachsen. Über Emotionen wurde schlicht nicht geredet, die wurden allenfalls in Wutanfällen ausagiert. Eine in ihrer Nüchternheit von heute aus betrachtet seltsame Welt. Ich musste eigentlich als Erwachsener alles über Gefühle lernen. Eigentlich bin ich immer noch damit beschäftigt. Ich veranstalte mit mir selbst jeden Tag eine Gefühlsschule. |
VÖGEL UND VERBOTE![]() Leser S. schickte ein Bild, das beweist, wie gleichgültig Möwen Verbote sind, es ist schockierend, sie halten sich an gar nichts. Noch mehr muss man aber getroffen sein vom Foto einer Taube in Salamanca, das mir Leserin N. von dort sandte. Sie hatte mein Buch Ein Haus für viele Sommer gelesen, in dem es um unser uraltes Haus auf einer italienischen Insel geht. Dort heißt es: Ich erinnere mich auch, dass wir vor dem winzigen Fenster des Kinderzimmers (es hat eher die Größe einer Schießscharte als die eines richtigen Fensters) ein verlassenes Nest von Haustauben entdeckt hatten. Wir reinigten die Stelle, und ich brachte dort die scharfen und spitzen Taubenabwehrgerätschaften an, die ich fast jedes Mal neu aus Deutschland mitbringe, weil wir immer neue Stellen entdecken, die Tauben im Winter für sich reklamiert haben. Als wir im nächsten Jahr wiederkamen, hatte eine Taube ihr Nest auf diesen Spitzen errichtet, eine Fakirtaube anscheinend, die unempfindlich war für die nadelspitzen Metallstifte. Für einige Zeit ließ die Tatsache, dass solche Tauben anscheinend auch zu brüten gewillt sind, während Pfeile ihre Körper durchbohren, Resignation in mir aufkommen, bis ich, entschlossen, im Abwehrkampf zum Äußersten zu gehen, die Anti-Tauben-Nadeln auch links, rechts und oben an der Wand befestigte. Das machte das Fenster zwar nun für die Tiere unbenutzbar, weil zwischen den Nadeln allenfalls noch Raum für einen Spatzen gewesen wäre. Die Kinder blickten allerdings seitdem aus ihrem Fensterchen wie durch einen vergitterten Lichtschacht einer Gefangenenzelle. Ich hatte das für einen Einzelfall gehalten. Aber wir sehen: Die Fakirtauben sind nun auch in Spanien angekommen. Oder kamen sie von dort? ![]() |
GECLOSCH?![]() Beim Herumkramen habe ich diese schöne Dokument entdeckt, das mir mal eine Leserin schickte und das zeigt, was aus dem Wort Geschlossen bei umsichtiger Behandlung so alles werden kann. Von Geschlossen bis Closed ist ja alles irgendwie drin und man wünscht dem Kung Fu Express unwillkürlich alles Gute, was immer es in seinem Falle auch sein mag. ZUM TOD VON HERMANN UNTERSTÖGER ![]() Am 20. Juni starb mit fast 82 Jahren mein lieber alter Kollege und Freund Hermann Unterstöger in Altötting. Ich bin immer noch sehr traurig deswegen. In meinen Jahren bei der Süddeutschen Zeitung bis 2000 arbeiteten wir fast jeden Tag zusammen, wenn es um das Streiflicht ging, die legendäre Kolumne der Zeitung auf der Seite 1, die es seit 1946 gibt und die damit die älteste noch bestehende Kolumne im deutschen Sprachraum ist. Es waren die besten Tage in meinem Berufsleben, mehr habe ich selten gelacht und kaum einmal habe ich so viel gelernt. Und wenn Hermann nicht in ganz Deutschland berühmt ist, so hat das vor allem zwei Gründe. Erstens erscheint das Streiflicht anonym, es steht also kein Name drunter und zweitens kam genau dies ihm sehr entgegen. Denn berühmt sein, das wollte er wirklich nicht. Niemand hat mehr von diesen wunderbaren kleinen Texten geschrieben als Hermann, es dürften ungefähr 3000 gewesen sein in vielen Jahrzehnten. Und niemand hat dieses Streiflicht sozusagen mehr verkörpert als er in seiner ironischen, umfassend gebildeten und heiteren Lebenshaltung. In den Jahren nach meiner Kündigung sahen wir uns regelmäßig, telefonierten immer wieder, und oft gab er mir einen Rat, der mir nun fehlen wird. Als er 2010 in München den Hoferichter-Preis bekam, habe ich die Laudatio gehalten. Hier ist sie, in Auszügen, und es ist alles drin, was ich über diesen großartigen Mann auch heute noch zu sagen hätte. Und sie mag Jüngeren, die an ihrer Ratlosigkeit dem Leben gegenüber verzweifeln, zeigen, wie viele Ecken, Kanten, Kurven und Schleuderer so ein Lebenslauf haben kann, der zu etwas Großem geführt hat. Hermann Unterstöger ist in Altötting bzw. dessen Umgebung zur Welt gekommen, er war Klosterschüler, schließlich verschlug es ihn nach München, wo er für einige Semester dem Studium der Altphilologie nachging. Warum? Dazu fällt mir eine Reportage ein, die Unterstöger vor einer Weile schrieb. In der kam ein Lateinstudent vor, der gefragt wurde, warum er Latein studiere. Seine Antwort war: „Warum net, sag i da. Weil i Lehrer wern wui.“ Nach einiger Zeit sagte sich Unterstöger jedoch, wenn er schon Lehrer werde, dann lieber Volksschullehrer, zog also nach Regensburg an die dortige Pädagogische Hochschule und machte sogar ein erstes Landschul-Praktikum, in dessen Verlauf er, der einst ganz und gar blond war, vor eine Schulklasse zu treten hatte, wobei er damals schon eine Brille trug, indes eine, deren Gläser sich bei Sonnenschein dunkel färbten. Es war ein sonniger Tag, der Praktikant Hermann betrat den Klassenraum, und die Kinder riefen: „O, der Heino!“ Danach sagte er sich: „Wenn das Lehrerleben ist – nichts für mich!“ Dennoch stand in seinem Zeugnis, er verspreche ein ausgezeichneter Lehrer zu werden, ein Versprechen, an dessen Abgabe Unterstöger sich nicht erinnern kann und will. Er kehrte nie an die Pädagogische Hochschule Regenburg zurück, welche, nicht zuletzt aus diesem Grunde, 1972 aufgelöst wurde. Kürzlich haben wir uns mal über seinen Werdegang unterhalten. Ich sagte ihm, ich hätte gehört, er habe sogar mal im Wasserwirtschaftsamt Altötting gearbeitet, wobei ich gleichzeitig bezweifelte, dass es ein solches gebe. Er daraufhin: Das sei im Prinzip richtig, nur sei es nicht das Wasserwirtschaftsamt, sondern das Landratsamt gewesen, und auch nicht in Altötting, sondern in Landshut. Dort war er nämlich zweieinhalb Jahre lang Inspektoren-Anwärter, bis es ihm auch dort reichte und er kündigte. Von da an arbeitete er viele Jahre als Bierausfahrer, Aluminium-Fenster-Bauer sowie Schichtarbeiter in der Landshuter Kondensatorenfabrik Roederstein. Dort reinigte er in der Neusilber-Abteilung Kondensatoren und versilberte sie. Man hantierte mit Salzsäure, eine nicht eben gesundheitsfördernde Tätigkeit, weshalb es als Haustrunk täglich ein Quantum Milch gab, das Unterstöger günstig an die Frauen am Fließband abgab. Für den Gegenwert kaufte er sich eine Maß Bier, die ihm seiner persönlichen Gesundheit zuträglicher erschien. So nahm das Unterstögersche Leben einen Verlauf, der ihn dem Hoferichter-Preis nicht näher gebracht hätte, wäre da nicht seine Schwester gewesen, die eines Tages zu ihm sagte, sie habe gehört, in der Altöttinger Redaktion der Passauer Neuen Presse sei eine Stelle frei geworden. Der vorherige Inhaber habe sich totgesoffen, das sei doch vielleicht was für ihn. Unterstöger begab sich in die Redaktion, und was soll man sagen: Der Redaktionsleiter fragte nichts weiter als: wann er anfangen könne. Und er fing an. Das war 1972. 1978 ereilte ihn der Ruf in die Ebersberger Redaktion der Süddeutschen Zeitung, wo ihn Hans-Ulrich Kempski entdeckte, auf dessen Veranlassung er dann ein Streiflicht über die Nürnberger Marktfrau Gunda schrieb, ein Original der Stadt, das stets Ärger mit der Polizei hatte. Hermann arbeitete drei Tage im Verborgenen an dem Text, der wurde gedruckt, und als er erschien, saß der Autor natürlich wieder morgens in der Ebersberger Redaktion, ihm gegenüber ein älterer Kollege, der den Unterstögerschen Text las, ohne zu wissen, dass es ein Unterstögerscher Text war, dann missmutig weiterblätterte und vor sich hin sagte: „So ein Scheißdreck.“ Ein Streiflicht schreiben zu dürfen, war damals (und ist es vermutlich noch heute) in der SZ etwas Besonderes, eine Auszeichnung. An der Kolumne wirkten immer die Besten des Blattes mit, und sie ist unter anderem gerade wegen dieser Täglichkeit ein wahres Wunder der Zeitungsgeschichte: die älteste Kolumne in deutscher Sprache, seit 64 Jahren wöchentlich sechs Mal im Blatt – und ich untertreibe (alle anwesenden Kollegen sind mir Zeugen) kein bisschen, wenn ich sage, dass dieses Streiflicht seit drei Jahrzehnten und erst recht heute undenkbar ist ohne Hermann Unterstöger. „Fackel im Sturmgebraus der Zeit“ hat mal einer der Altvorderen die Kolumne genannt – und er ist es, der diese Fackel seit Jahr und Tag hält und trägt und dafür sorgt, dass sie nicht ausgeht. Damit schätze ich die Leistung der anderen Verfasser keineswegs gering. Aber ich habe, als ich noch der Redaktion angehörte, ungezählte Morgenkonferenzen erlebt, in denen ratlose Männer (es sind wirklich erstaunlicherweise nach wie vor praktisch ausschließlich Männer) beieinander saßen, wenn es um das Streiflicht und sein Thema ging, in denen wichtige Autoren langsam hinter, ja, geradezu unter ihren Zeitungen versanken, dringende Telefonanrufe zu erledigen hatten, mit unaufschiebbaren Arbeiten bedeutendster Art beschäftigt waren, die es ihnen leider heute verunmöglichten, ein Streiflicht zu schreiben, und in denen selbst nervenstärkste Chefredakteure plötzlich in sich den Gedanken entdeckten, es werde doch nicht ausgerechnet heute der Tag angebrochen sein, an dem die Zeitung ohne Streiflicht erscheinen müsse. In diesen Konferenzen beobachteten wir aus den Augenwinkeln heraus unseren Hermann, dessen Wangen sich langsam röteten, während seine Haarspitzen sich entschlossen aufstellten, und der plötzlich die erlösenden Worte sprach: „Es gäbe da ein Thema – nein, ein wirkliches Thema ist es eigentlich nicht, allenfalls ein Achtelthema, aber man könnte zur allergrößten Not…“ Das war immer unsere Rettung, an Hunderten von Tagen. Hermann ist morgens stets der Erste in der Redaktion. Er hat, wenn die anderen eintreffen, schon alles gelesen. Unvergessen ist die Geschichte jener Putzfrau, die in der Morgenfrühe die Redaktionsstuben reinigte, während Unterstöger bereits, wie immer, lesend am Schreibtisch saß. Jahrelang ging das so, die Putzfrau hatte einen Migrationshintergrund und eines Tages baute sie sich vor Unterstöger auf und sagte: „Immär läsän – wann arbeitän?!“ Morgens, wenn die erste Konferenz beginnt, hat Unterstöger die Welt und ihr Geschehen längst in sich und sein Büro aufgenommen. Er hat Artikel aus Zeitungen ausgeschnitten, in Mappen abgelegt und diese Mappen in Bürokörbe aus Draht abgelegt. Er hat morgens vor zehn die Welt zerlegt, in ihre Bestandteile sortiert und ist nun bereit, sie neu zusammenzusetzen: zu einer besseren, interessanteren Welt, in der plötzlich Dinge zusammengehören, von denen man im Leben nie gedacht hätte, dass sie miteinander zu tun hätten, in denen wir in einem Urteil des Oberlandesgerichts Hamm von 1993 das Wesen der Liebe erkennen oder in einer neuen wissenschaftlichen Formel zur Errechnung der Idealgröße weiblicher Brüste den Beginn eines, so Unterstöger 1995, „umfassenden Körpermanagements“. Folgendes werde ich an Unterstöger immer bewundern: – die ungeheure innere und äußere Ordnung seines Büros, in dem man stets das Gefühl hat, hier walte – nicht viel anders als in seinem einstigen Inspektorenanwärterbüro in Landshut – ein Sachbearbeiter der Weltbetrachtung seines Amtes, einer, auf dessen linker Schreibtischseite Anträge auf Texte aller Art eingehen, welche wenig später den Schreibtisch auf der rechten Seite verlassen, abtransportiert vom Büroboten. Ich habe, weiß Gott!, in den Jahren meiner längst vergangenen Redaktionszugehörigkeit andere Büros gesehen, jenes eines hervorragenden, jedoch jetzt ungenannt bleibenden Kollegen zum Beispiel, dessen Schreibtisch stets aussah, als sei dort gerade eine Papierbombe explodiert, und der mich immer an den Sportredakteur Dr. Raabe-Jenkins in Friedrich Torbergs Tante Jolesch erinnerte, dessen Büro im Prager Tagblatt eines Tages von einer Horde die Redaktion verwüstender Revolutionäre gestürmt wurde. Der erste von ihnen schloss indes die gerade aufgerissene Tür zur Raabe-Jenkins’ Büro sofort wieder mit den Worten: „Hier waren wir schon.“ In Unterstögers unterster Schreibtischschublade hingegen liegt, sorgsam verwahrt, eine gebrauchte Mitra, die er trägt, wenn er Texte zur katholischen Kirche verfasst. Von ihm selbst stammt zu dieser Tatsache der Kommentar: „An kalten Tagen – warum nicht?“ Nun aber weiter in meiner Liste der Bewunderungspunkte, Unterstöger betreffend: – Da ist seine immense Belesenheit, die es ihm ermöglicht, ein Motu proprio zur Kirchenmusik von Pius X. aus dem Jahr 1903 zu zitieren, als wäre es eine gerade heute morgen aufgeschnappte Zeitungsmeldung, und auf Grund derer er jederzeit (wie ich fest glaube) an einer Podiumsdiskussion zum Beispiel über Wolfgang Hildesheimers Werk unter besonderer Berücksichtigung von dessen Erzählung Die Dachwohnung teilnehmen könnte, wenn er Lust dazu hätte. Aber er hätte keine Lust dazu. Er tritt nie öffentlich auf, ausgenommen heute Abend, und wenn wir vor vielen Jahren Lesungen mit unseren Streiflichtbüchern veranstalteten, musste immer einer von uns auf der Bühne den Unterstöger machen; er persönlich war niemals dabei. Dazu kommt ein Bildungsfundament, das es ihm ohne Zweifel ermöglichte, mit dem Papst, beträte er denn jetzt diesen Raum, sich über dessen letzte Enzykliken zu unterhalten, zur Not auch auf Latein. – die Lebens- und Menschennähe seiner Texte. Denn niemals wird das, was ich über sein Fundament gesagt habe, zur Bildungshuberei – im Gegenteil, der Mann hat nicht umsonst in der Kondensatorenfabrik gearbeitet, er weiß nach wie vor, wovon die Leute auf der Straße reden, und er ist immer und jederzeit bereit, irgendeinem Aufgeblasenen die Luft abzulassen oder einen Großkopf ins Säurebad seiner Texte zu tunken, wie er einst bei Roederstein in Landshut Kondensatoren blank ätzte. – die ganz und gar unprätentiöse, uneitle Art, in der er seinem Beruf nachgeht, und die es mit sich bringt, dass es jederzeit möglich ist, Unterstögersche Texte auch als Aktuelles Lexikon zum Thema „Klebstreifen“ oder im Immobilien-Teil der SZ als kleinen Essay über Herbergssuche zu lesen. Jeder andere der Stars in der Redaktion würde ein solches Ansinnen als Zumutung für seine kostbare Feder von sich weisen. – seine Ehrgeizlosigkeit: Ich kenne zufällig eine Verlegerin in München, die ihn, längst vor den Erfolgen von Bastian Sick, seit Anfang der Neunziger über viele Jahre hinweg bekniet hat, aus seinen genialen Sprachbetrachtungen das eine oder andere Buch zu machen. Bloß: Unterstöger hatte, wie er frank und frei bekundete, irgendwie keine Lust, seine alten Texte noch mal zu lesen und zu bearbeiten, nur um sie zwischen Buchdeckel zu bringen. – seine Sorgfalt und seinen Fleiß. Seine erste Seite Drei hat er über Herbert Achternbusch geschrieben, der ihn vor dreißig Jahren beim ersten Anruf beschied, er möge sich doch erst mal mit seinem, dem Achternbuschschen Lebenswerk vertraut machen, bevor er bei ihm, Achternbusch, aufscheine – nicht damit gerechnet habend, dass Unterstöger sich daraufhin selbstverständlich tagelang ins Filmmuseum setzen würde, um sich dort einen Achternbusch-Film nach dem anderen hineinzuziehen. Er durfte daraufhin Achternbusch in Buchendorf bei Gauting am Stammtisch besuchen, wo er lustigen Brüdern begegnete, die es für eine Kleinigkeit hielten, den Gast en passant unter den Tisch zu saufen. Am Ende des Abends saßen nur noch zwei aufrecht, das waren Achternbusch und Unterstöger, zwei Ebenbürtige in vieler Hinsicht. Die bedeutungsloseren Herren lagen unter dem Tisch. – die Distanz, die er zu allem und jedem hält, auch zur Redaktion. Wer, wenn nicht er, verkörpert mehr das Streiflicht, das es seinen Autoren zumutet, in der Anonymität zu schuften, dies in einem Beruf, in dem der Name, den man sich macht, das ganze Kapital ist?! So mag es viele Leser gegeben haben und geben, die Woche für Woche Unterstöger lesen, ohne zu wissen, dass es Unterstöger gibt. Diese Distanz ist jedem Journalisten zu wünschen. Bei Unterstöger rührt sie daher, dass es für ihn noch ein ganz anderes Leben gibt, das ihm im Zweifel mehr bedeutet als seine Arbeit, mögen das Verwandtschaft und Freundeskreis in Altötting sein oder der Posaunenchor in Harlaching, zu dem er sich jedes Mal verabschiedet, wenn wir beide uns, wie wir es alle paar Monate tun, im Café Kreutzkamm auf ein paar Baumkuchenspitzen getroffen haben. Oder mag es schließlich auch seine Ansicht sein, dass die Arbeit eines Journalisten im Angesicht der Ewigkeit von nicht allzu zentraler Bedeutung sei – eine Einsicht, die, wie jeder Kenner weiß, noch nicht allen Journalisten zu eigen geworden ist. – Schließlich liebe ich seinen ganz und gar zarten, hintergründigen, unspektakulären und in unserer Lärmgesellschaft geradezu unzeitgemäßen Humor. Niemals wird da vor Pointen die Trommel gerührt, immer treten sie uns wie absichtslos unter die Augen, wenn zum Beispiel in einem seiner Streiflichter ein Madenhacker auftritt, aber nicht eben einfach als Madenhacker, sondern als der „zu Recht Crotophaga ani genannte Madenhacker“, oder wenn er, in seiner Rubrik Sprachlabor, unbekannte Dative der Vergessenheit entreißt, in einer irgendwo entdeckten Überschrift zum Beispiel: „Frau von Löwem gebissen.“ Das alles mag im Einzelnen Handwerk sein, täglich neu getan, er selbst würde das am wenigsten bestreiten. Aber zusammengenommen, über die Jahrzehnte und ein Gott sei Dank noch unvollendetes Lebenswerk hinweg betrachtet, ist es eben doch große Kunst, täglich neu gemacht. So stoisch und unverwandt, so lebensfroh und lebensnah, so originell, weltoffen und humorvoll die Welt sich anzuverwandeln, das Große herunterschnurren zu lassen aufs wahre Format und das Kleine, wo es notwendig und angebracht ist, groß herauszustellen, kurz an den wahren, von anderen immer wieder verfälschten Dimensionen dieser Welt zu arbeiten (und dies zu unserem täglichen Vergnügen) – das ist wahrhaft wunderbar. ![]() |
DIE LESUNGEN![]() Das ist nun die endgültige Liste für diesen Herbst und Winter. Termine in Fürth, Heilbronn und Augsburg sind noch hinzugekommen. Mehr wird es nicht werden, weniger aber auch nicht und das ist doch auch was in Zeiten wie diesen. 2025 01.11. Erfurt, Theater 02.11. Stuttgart, Theaterhaus 03.11. Bochum, Schauspielhaus 04.11. Oldenburg, Kulturetage 15.11. Gröbenzell, Stockwerk 16.11. Bielefeld, Stadttheater 21.11. Halle, Franckesche Stiftungen (in der Reihe Persönlichkeiten im Gespräch) 22.11. Leipzig, Kupfersaal 23.11. Dresden, Schauspielhaus 07.12. Berlin, Schlosspark Theater 08.12. Berlin, Schlosspark Theater 28.12. München, Volkstheater 29.12. Regensburg, Theater am Bismarckplatz 2026 02.01. Augsburg, Parktheater03.01. München, Leo17 05.01. Köln, Gloria 06.01. Köln, Gloria 07.01. Düsseldorf, Schauspielhaus 08.01. Darmstadt, Staatstheater 16.01. Fürth, Stadttheater 03.02. Mainz, Frankfurter Hof 04.02. Hamburg, Schauspielhaus 05.02. Hannover, Pavillon 23.02. Heilbronn, Theater 26.02. Bayreuth, Zentrum Noch mehr und detaillierte Informationen auf meiner Internetseite. |
MEIN BUCH DES MONATS JULI![]() Tag für Tag werden wir mit Katastrophennachrichten aus aller Welt bombardiert, was den Klimawandel angeht: Dürren, Starkregen, Fluten, was weiß ich. „Als junger Teenie dachte ich, dass der Klimawandel einen Großteil von uns töten würde“, schreibt die in Oxford tätige schottische Datenwissenschaftlerin Hannah Ritchie in ihrem Buch Hoffnung für Verzweifelte. Erst als sie später begann, sich beruflich mit dem Thema zu beschäftigen, entdeckte sie, dass man die Zunahme von Katastrophenberichterstattung nicht mit der Zunahme der Katastrophen selbst verwechseln darf. Wer ihr Buch gelesen hat, wird die Weltlage anders sehen. Betrachtet man nämlich die Zahlen, so ist – ein Beispiel – die Ziffer der durch sogenannte Naturkatastrophen verursachten Todesfälle von Menschen in den vergangenen hundert Jahren auf weniger als die Hälfte gesunken. (Nicht, weil die Zahl der Katastrophen geringer geworden wäre, sondern dank der Verbesserung von Infrastruktur sowie Überwachungs- und Reaktionssystemen.) Nichts davon bedeutet, dass es keinen Klimawandel gäbe. Er passiere gerade, schreibt Ritchie, „und die menschlichen Treibhausgase sind dafür verantwortlich“. Es heißt aber, dass wir nicht erfolglos waren im Kampf gegen seine Folgen und es auch in Zukunft nicht sein werden. Bloß: „Die Zeit, darüber zu diskutieren, ob es den Klimawandel gibt oder nicht, ist abgelaufen. Stattdessen müssen wir die Frage angehen, was wir dagegen tun werden“, so Ritchie. Was übrigens geschieht. Gerade, als ich dies geschrieben habe, zehn Minuten Pause mache und mir die Nachrichten ansehe, ploppt die Mitteilung auf, dass Uruguay seine Stromproduktion in wenigen Jahren fast komplett auf erneuerbare Energien umgestellt habe, die Kohlendioxid-Emissionen dabei in 35 Jahren um 98 Prozent gesenkt und die Armutsquote durch die dabei neu entstandenen Jobs von 40 auf zehn Prozent gedrückt habe. Nur so nebenbei. Es hat nicht viel Sinn, sich in der kleinteiligen Berichterstattung über die schlimmen Dinge der Welt zu verzetteln. Viel wichtiger ist, auf die Hintergründe der täglichen Stürme zu schauen. Ritchies erwähntes Buch ist ein Segen in dieser Hinsicht, das Gleiche gilt für das berühmte Werk Factfulness des verstorbenen schwedischen Gesundheitswissenschaftlers Hans Rosling (Ritchies großes Vorbild), das jeder beständig dramatisierenden, einschüchternden und lähmenden Weltsicht die Luft ablässt, weil sie zeigt, dass sie ebenso beständig Fehleinschätzungen produziert und die Wahrheit einer sich kontinuierlich verbessernden Lage der Menschheit vernebelt. Hannah Ritchie, Hoffnung für Verzweifelte. Wie wir als erste Generation die Erde zu einem besseren Ort machen. Aus dem Englischen von Marlene Fleißig. Piper Verlag, 22 Euro. |
| WAS SONST NOCH ZU SAGEN WÄRE Für die Korrektur des Textes danke ich herzlich Ruth Keen. Die Fotos von Hermann Unterstöger stellte mir dankenswerterweise Gabi Unterstöger zur Verfügung. Und großen Dank, wie immer, an Michael Ruhe für das Aufsetzen und Vorbereiten aller für den Versand des Briefs aus dem Büro notwendigen Dinge. Ihn findet man unter www.ruhe-bitte.com |









