| OPTIMISMUS Es ist leicht, in diesen Zeiten Pessimist zu sein, nichts ist leichter als das. Aber wem nützt das schon? Und warum sollte man es sich so einfach machen, einfach nur das Schlimmste zu erwarten und sich deshalb daheim zu verkriechen? Die erste Kolumne des neuen Jahres (am Freitag kommender Woche im SZ-Magazin) habe ich deshalb über Optimismus und Hoffnung geschrieben. Aber hier würde ich gerne den Schluss meines Buches Wie fühlst du dich? zitieren. Ist es schwer zu verstehen, dass wir die Leute neben uns suchen und finden müssen, wenn wir uns besser fühlen wollen? Mein deutliches Gefühl ist nach alledem hier, dass wir aufhören sollten, nur zu fragen, wie wir uns als Einzelne immer weiter verbessern können, wie wir das Letzte aus uns herausholen, unsere Grenzen ausloten und verschieben. Das führt nur weiter hinein in ein Gefühl der Gleichgültigkeit anderen gegenüber. Und dieses Gefühl kommt denen, die nichts Gutes vorhaben und wiederum nur an sich selbst interessiert sind, gelegen. Wir haben Besseres zu tun. Wir müssen uns um das Gefühl von Zuversicht kümmern. Das können wir nicht allein. Wir haben die große Frage zu beantworten, wie wir in Zukunft zusammenleben wollen und können, dazu brauchen wir Hoffnung, und die ist, wie Rebecca Solnit in Hoffnung für Verzweifelte schreibt, „kein Preis oder Geschenk, sondern etwas, das man sich verdient, indem man lernt, indem man der Bequemlichkeit der Verzweiflung widersteht, Tunnel gräbt, Fenster heraussägt, Türen aufstößt oder Leute findet, die diese Dinge tun. Es gibt sie“. In der Tat, es gibt sie. Viele Menschen haben mir nach Erscheinen des Buches geschrieben: was sie tun und wie sie versuchen, in ihrem persönlichen Leben die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Man trifft sie überall, Leute, die seit Jahrzehnten in der Freiwilligen Feuerwehr arbeiten, in Altenheimen den Menschen vorlesen, in Schulen Kinder die Bewältigung von Konflikten lehren oder – wie die famose Jacqueline Flory mit dem Verein Zeltschule – aus rein privater Initiative heraus im Libanon und in Afghanistan Schulen bauen. Über all dem Fürchterlichen, das unsere Nachrichten beherrscht, wird das oft übersehen: wie viele Leute ohne großes Trara in ihrem persönlichen Leben Großes leisten. Wer nach Zuversicht und Optimismus sucht: Hier ist das alles zu finden, und wer mitmacht, wer etwas Eigenes tut, wird seine eigene Hoffnung finden, im Handeln nämlich. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen guten Rutsch und ein gutes neues Jahr. |
HOLZ- UND RECHTSWEG![]() Leserin H. war zur Reha in Bad Dürkheim und kam auf ihren Spaziergängen an dem hübschen Amtsgerichtsgebäude dort vorbei, das ausgerechnet am Holzweg liegt. Wäre nicht aber, so mein Gedanke, der Rechtsweg eine noch schönere Adresse? Als die Reha zu Ende ging, machte ihr Bad Dürkheim noch ein schönes Geschenk, siehe unten. ![]() |
EIN EINFACHER UNFALL![]() Im Dezember war ich in Berlin. Zwei Lesungen, Fernsehtermine, Zeitungsinterviews, Signierstunden, Radiogespräche. An einem freien Abend ging ich mit meinem Sohn David ins Kino. Ich hatte ihm gar nicht richtig zugehört, als er mir erzählte, um welchen Film es ging: ein iranischer Filmemacher, mehr hatte ich mir nicht gemerkt, weil ich froh war, mein Programm in der Stadt irgendwie zu schaffen. Ich verlasse mich, wenn es ums Kino geht, ohnehin blind auf seine Ratschläge. Das hat sich immer gelohnt. Er studiert Regie an der Münchner Filmhochschule, und wenn ich mit ihm aus dem Kino kam, bin ich noch immer begeistert gewesen. So war es auch diesmal. Denn zu meiner großen Freude waren wir auf der Deutschlandpremiere von Ein einfacher Unfall des iranischen Regisseurs Jafar Panahi gelandet. Das ist nun wirklich nicht einfach irgendein Film irgendeines Regisseurs. Es gehört zum Besten, was das Kino derzeit zu bieten hat. Ein einfacher Unfall hat in diesem Jahr die Goldene Palme in Cannes gewonnen, war zum Zeitpunkt, als wir im Kino saßen, für vier Golden Globes nominiert und ist ein Kandidat für den Oscar. Und der 65 Jahre alte Panahi hat vor der Palme in Cannes schon den Goldenen Löwen in Venedig (im Jahr 2000 für Der Kreis) und den Goldenen Bären in Berlin (2015 für Taxi Teheran) gewonnen. Es gibt nicht viele, denen das im Lauf ihrer Karriere gelang. Als der Film zu Ende war, stand dieser Mann im Kino plötzlich vor uns und redete über seine Arbeit. Gerade ein paar Tage zuvor war er in Teheran zu einem Jahr Haft und zweijährigem Ausreiseverbot verurteilt worden, aber da war er schon im Ausland gewesen. Für Panahi sind solche Urteile nichts Neues. Er saß schon öfter in den Gefängnissen des Mullah-Regimes, hat sich mit Hungerstreiks dagegen gewehrt, und nichts hat ihn davon abhalten können, neue Filme zu machen, für die er im Ausland gefeiert wird, zu Recht. Ein einfacher Unfall basiert auf seinen Erfahrungen im Knast und auf den Geschichten der Menschen, die er dort kennengelernt hat. Panahi sagt, es sei eigentlich ein Film, den man nach dem Ende eines Regimes drehen würde. Er hat ihn aber jetzt schon gemacht: die Geschichte eines Mannes, der zufällig jenem Menschen begegnet, den er für seinen Folterer hält und den er deshalb umbringen will. Jedoch beschleichen ihn Zweifel, er beginnt nach weiteren Leuten zu suchen, die diesen Mann kennen müssten, weil sie unter ihm gelitten haben, findet sie auch – und damit beginnt eine so komische (ja, wirklich!) wie auch zu Tränen rührende Geschichte. Niemand sollte sie versäumen, wenn dieser Film am 8. Januar in die deutschen Kinos kommt. Mich hat die unverhoffte Begegnung mit diesem mutigen Mann noch lange beschäftigt. Da ist einer, der sich einfach nicht davon abbringen lässt, trotz allen Terrors seine Filme zu machen, der sich auch nicht von seinem Land und den Menschen dort trennen lässt, der immer wieder dorthin zurückgekehrt ist, um seine Geschichten zu erzählen, der dabei nie seine Menschenfreundlichkeit verloren und sich nie dem Hass seiner Feinde anverwandelt hat, sondern immer der geblieben ist, der er sein will: ein Künstler, der seine Filme macht. |
EINE FRAGE DER REIHENFOLGE![]() Familie B. versorgt mich immer wieder mit schönen Nachrichten sowohl aus aller Welt als auch speziell der oberschwäbischen Provinz. Genau hier geschehen ja immer wieder die allerenormsten Dinge, wie wir dieser Meldung der Schwäbischen Zeitung, Ausgabe Ravensburg-Oberschwaben, entnehmen. TOLL ![]() Ende September ist Wie fühlst du dich? erschienen, und nun, drei Monate später, steht es immer noch weit vorne auf der Bestsellerliste, genau wie Über die Heiterkeit in schwierigen Zeiten, das zur gleichen Zeit als Taschenbuch herauskam. Als früherer Sportreporter schaue ich mir noch gerne Tabellen aller Art an, aber diese sehe ich besonders gern. KAFKA ALS WURST ![]() Als ich neulich in Wien war, sah ich dieses Schild und dachte nur einen Satz: Als Franz Kafka eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einer ungeheueren Bosna-Wurst verwandelt. |
DIE LESUNGEN![]() Ich habe schon immer viel Freude an meinen Lesungen gehabt. Es hat Zeiten gegeben, in denen sie so lustig waren, dass ich auf der Bühne selbst manchmal vor Lachen nicht weitermachen konnte. Es hat andere Zeiten gegeben, vor allem nach Wofür stehst Du? (das ich zusammen mit Giovanni di Lorenzo geschrieben habe) und nach dem Erscheinen meines Buches Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen im Jahr 2017, in denen sich ein gehöriger Ernst in all das Heitere mischte. Heute gibt es beides, ausgelassenes Lachen und große Nachdenklichkeit – und es ist diese Mischung, die mir am meisten entspricht und deretwegen ich mich eben noch viel mehr über meine Auftritte freue als früher. Wie immer stehen hier nur die Termine, für die man schon Karten kaufen kann, deshalb gleich folgende Information: Im Herbst kommen noch einige Lesungen dazu. Da ich die Zahl meiner Lesungen ja reduziert habe, weil ich mehr Zeit zum Schreiben haben will, komme ich naturgemäß neuerdings nur noch in größere Orte. Im Dezember konnten wir aber mit Hilfe des Energieversorgers EWE eine Reise in einige kleinere Städte Norddeutschlands organisieren: Cuxhaven, Oldenburg, Papenburg, Cloppenburg. Ich freue mich schon sehr auf diese Orte. Karten dafür gibt es schon jetzt hier. Und weil die Lesungen in München immer sehr schnell ausverkauft waren, gibt es dort am 20. Februar im Theater Leo17 nun noch einen weiteren Zusatztermin. 2025 28.12. München, Volkstheater 16 Uhr (ausverkauft) 28.12. München, Volkstheater 20 Uhr (ausverkauft) 29.12. Regensburg, Theater am Bismarckplatz (ausverkauft) 2026 02.01. Augsburg, Parktheater (ausverkauft)03.01. München, Leo17 (Restkarten) 05.01. Köln, Gloria (Restkarten) 06.01. Köln, Gloria07.01. Düsseldorf, Schauspielhaus (ausverkauft)08.01. Darmstadt, Staatstheater16.01. Fürth, Stadttheater (Restkarten)30.01. Holzkirchen, Kultur im Oberbräu 03.02. Mainz, Frankfurter Hof (Restkarten) 04.02. Hamburg, Schauspielhaus 05.02. Hannover, Pavillon 20.02. München, Leo17 23.02. Heilbronn, Theater 26.02. Bayreuth, Zentrum 09.12. Cuxhafen, EWE-Forum 10.12. Cuxhafen, EWE-Forum Alte Feiwa 11.12. Papenburg, Kleines Theater 12.12. Cloppenburg, Kulturbahnhof Noch mehr und detaillierte Informationen auf meiner Internetseite. |
AUA!![]() Zum Thema meines Buches AUA! Die Geschichte meines Körpers habe ich noch dieses schöne Foto beizusteuern, das mich bei der Vermessung meiner Kiefergelenke zum Zweck der Anfertigung einer Anti-Kieferknackschiene zeigt. Als Axel Hacke eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich im Behandlungsstuhl seines Dentisten zu einem ungeheueren Gestellträger verwandelt. |
MEIN BUCH DES MONATS DEZEMBER![]() Mitte Dezember entdeckte ich, dass auf Arte noch bis 18. Mai Shoah von Claude Lanzmann wieder gezeigt wird, jene neunstündige Dokumentation von 1985, die ein filmischer Meilenstein in der Auseinandersetzung mit der systematischen Vernichtung der Juden war und bleibt. Lanzmann (er starb 2018) wäre im November 100 Jahre alt geworden, das ist der Anlass, aber er ist natürlich nur oberflächlich, denn Anlässe, sich mit diesem Massenmord auseinanderzusetzen, gibt es im Moment wirklich genug. Ich sah den Film wieder an, den ich 1985 nicht zur Gänze gesehen hatte, weil wir damals zwei kleine Kinder und viel Arbeit hatten, es war einfach nicht genug Zeit. Jetzt aber schon, und so sah ich all die Menschen, die sich erinnerten, und die Orte, an denen und an die sie sich erinnerten. Und gleichzeitig dachte ich an den 7. Oktober 2023 und an die unfassbare Grausamkeit der Morde, der Folter, der Verschleppung, an all die unleugbaren und unerträglichen, von den Killern oft selbst dokumentierten Details. In meiner Kolumne hatte ich damals geschrieben: „Liege ich falsch, wenn ich eine gewisse Kälte fühle, mit der man in Deutschland auf das Massaker der Hamas in Israel reagiert?“ Und weiter: „Wo ist das simple spontane Mitgefühl, das in unserem Land doch sonst jederzeit abrufbar ist? Ja, der Bundespräsident hat eine Rede gehalten, ja, 10.000 Leute waren bei einer offiziellen Kundgebung anwesend, ja, sehr viele Menschen sind erschrocken, natürlich. Aber möglicherweise ist dies gerade das Bedrückende: dass dieses Offizielle schon alles ist, die Routine des Entsetzens.“ Seitdem ist viel geschehen, vor allem der grausame und nicht zu rechtfertigende Feldzug der israelischen Regierung in Gaza. Aber es ist auch etwas nicht geschehen. Jenes Mitgefühl hat sich bis heute nicht eingestellt, im Gegenteil. Es gibt Mitleid überall, mit den Palästinensern vor allem, aber nur sehr wenig, oft eigentlich gar keines mit den Israelis und den Juden in aller Welt. Eva Illouz – die als Autorin populäre und gewiss zur Linken und zu den Gegnerinnen des Netanjahu-Regimes zählende Soziologin – beginnt ihren kleinen Essay Der 8. Oktober mit der Frage, wie es so weit hat kommen können: dass ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit wie das vom 7. Oktober die Menschen nicht mehr in einer moralischen Gemeinschaft des Mitgefühls zusammenbringe, ja, mehr noch, dass ein beträchtlicher Teil der sogenannten Linken „die Existenz dieser Gräueltaten geleugnet oder sie als Tat des ‚antikolonialen Widerstands‘ gefeiert“ habe. Und als sei dies noch nicht genug, habe diese Linke „die schockierten und leidtragenden Juden im Stich gelassen, ignoriert, stigmatisiert und einer vermeintlichen Urschuld, des israelischen Kolonialismus“ bezichtigt. Dieses nicht immer ganz leicht zu lesende und doch lohnende Buch ist der Versuch einer Antwort auf Fragen, die sich mir seit mehr als zwei Jahren immer wieder stellen: Wie kann es sein, dass die Linke in großen Teilen schlicht und einfach leugnet, dass der Existenzzweck der Hamas in nichts anderem als dem Massenmord an Juden besteht? Wie ist es möglich, dass die Linke, deren Ursprung doch im Mitgefühl besteht, Israel zum Epizentrum des Bösen gemacht hat? Warum hat sie zu einer neuen Form „von sich tugendhaft gebendem Antisemitismus“ (Illouz) gefunden? Kurz: Wie konnte es zu diesem gigantischen moralischen Versagen so vieler kommen, die sich links nennen? Und wie kann es sein, dass jemand, der Shoah gesehen hat oder es doch gesehen haben könnte, Israel als „koloniales Projekt“ sieht und nicht als das, was es ist oder doch sein sollte: ein Ort, an dem sich Juden sicher fühlen können, nachdem versucht wurde sie auszurotten? Eva Illouz, Der 8. Oktober. Aus dem Französischen von Michael Adrian. Suhrkamp, 12 Euro. |
WIR MISSVERSTANDEN UNS GUT![]() Kurz vor Weihnachten traf ich in der Distel in Berlin noch Gregor Gysi, der dort regelmäßig Moderator einer Gesprächsreihe namens Missverstehen Sie mich richtig ist. Demnächst wird man das Gespräch auch auf YouTube sehen können, das warten wir mal ab. Ich hatte gedacht, wir würden auch politisch diskutieren, und war deswegen vorher etwas nervös gewesen, weil ich nicht wusste, ob ich der Eloquenz dieses interessanten Mannes gewachsen sein würde. Aber dazu kam es nicht. Gysi befragte mich den ganzen Abend lang über mein Leben und meine Arbeit, wir missverstanden uns prächtig, obwohl wir gewiss allerlei unterschiedliche Ansichten haben. Ich dachte noch, dass es in meinem einstigen Beruf als politischer Journalist gewiss denkbar gewesen wäre, dass ich Gysi interviewte, wozu es nie kam. Aber dass nun Gysi mich interviewte – also, es war schon ein wenig irre, dachte ich. |
DER DARSTELLER GOTTES IST TOT![]() Ganz und gar überraschend ist kürzlich mit erst 64 Jahren Hans Richter gestorben, der am Frankfurter Stalburg Theater seit Monaten den Gott in meinem und Robert Koalls Stück Die Tage, die ich mit Gott verbrachte gespielt hat. Ich hatte gehofft, Anfang des Jahres die Inszenierung noch sehen und Richter kennenlernen zu können, daraus wird nun leider nichts mehr. Richter war erst in diesem Jahr aus Barcelona, wo er seit 1997 gelebt und Theater gemacht hatte (er sprach fließend Spanisch, Katalanisch und Englisch), nach Frankfurt zurückgekehrt, wo er auch eine Hauptrolle in Elke Heidenreichs Stück Alte Liebe hatte – ein, wie man überall hört, überaus geschätzter und liebenswürdiger Mann. „Er war einer der besten Kerle, die man sich vorstellen kann, der liebste Mensch“, hat Michael Herl, Chef des Theaters, gesagt. Sein Tod macht auch mich sehr traurig, wie denn nicht?! |
| WAS SONST NOCH ZU SAGEN WÄREFür die Korrektur des Textes danke ich herzlich Ruth Keen. Und großen Dank, wie immer, an Michael Ruhe für das Aufsetzen und Vorbereiten aller für den Versand des Briefs aus dem Büronotwendigen Dinge. Ihn findet man unter https://ruhe-bitte.com/ |










