SAID

Ich erinnerte mich, dass ich vor ziemlich genau dreißig Jahren in der SZ ein Porträt des Dichters SAID geschrieben hatte, der 1947 in Teheran zur Welt gekommen war. Mit ein wenig Suchen fand ich den alten Text noch und auch SAIDs Bücher.

SAID, immer in großen Buchstaben, war ein Künstlername, geboren war unser Mann als Said Mirhadi. (Er starb dann 2021 in München.) SAID war als 17-jähriger aus seiner Geburtsstadt hierhergekommen, um zu studieren, hatte sich in allerlei Komitees gegen den Schah engagiert und war nach dessen Sturz für sieben Wochen in den Iran zurückgekehrt, voller Hoffnung wie viele. Aber unter den Mullahs sah er keine Existenzmöglichkeit für sich, kam wieder nach München zurück und blieb.

Ich erinnere mich, dass er mir von jenem Tag im Kreisverwaltungsreferat erzählte, als er seinen iranischen Pass für immer abgab und einen Flüchtlingspass bekam.

„Ich weiß, es schmerzt!“, habe der Beamte damals zu ihm gesagt, und er habe ein so gütiges Gesicht gehabt. Es waren andere Zeiten, nur wenige benutzten das Wort „Asyl“ mit jenem verächtlichen Unterton, der 1996 schon bekannt war und der heute …

Ach, heute …

Über die siebenmal sieben Tage in seiner Heimat hatte er einen Lyrikband geschrieben, Wo ich sterbe ist meine Fremde, darin steht dieses Gedicht:

Wie gütig
die Passanten sind – 
sie sprechen Persisch!

Er zitierte das damals im Gespräch, um sein Gefühl 1979 in Teheran zu beschreiben: als sprächen die Menschen nur ihm zu Gefallen die Sprache seiner Kindheit.

Ich mochte ihn sehr, ein melancholisch-heiterer Mensch von großer Freundlichkeit, wie überhaupt alle Iraner, die ich je kennengelernt habe, von großer Freundlichkeit und Lebensfreude waren. Wie ist es möglich, dass dieses liebenswürdige Volk schon so lange geknechtet wird, erst vom Schah und seinen Schergen, dann von den Mörder-Mullahs, die ja auch Iraner sind? Ich habe keine Ahnung.

SAID war zu jener Zeit Vizepräsident des deutschen PEN-Zentrums und dessen Writers-in-Prison-Beauftragter. Als wir redeten, hatte man im Iran gerade Abbas Maroufi, damals einer der bekanntesten iranischen Schriftsteller, zu sechs Monaten Haft und zwanzig Peitschenhieben verurteilt, zwei Jahre Publikationsverbot kamen obendrauf. Es war unter anderem SAIDs Engagement in seinem Amt beim PEN (auch das von Günter Grass), das bewirkte, dass Maroufi nach Deutschland ausreisen konnte. (Wo er 2022 starb, ein Jahr nach SAID, jedoch zehn Jahre jünger.)

Ich schlage an einer beliebigen Stelle SAIDs Buch Der lange Arm der Mullahs auf, 1995 bei C.H. Beck in München erschienen, wo noch sieben seiner Werke lieferbar sind.

Der lange Arm der Mullahs, das sind Notizen aus dem deutschen Exil, ein wunderbares Buch über den Alltag dessen, der nicht mehr in seinem Land leben kann. SAID notierte unter dem Datum des 17. Oktobers 1992 eine Geschichte, die ihm ein Freund erzählte, den er H. nannte.

Dieser H. berichtete von einem Begräbnis in Paris, wo man vier iranische Oppositionelle zu Grabe trug, die im Exil ermordet worden waren. Als er, also H., von den Gräbern wegging, sei ein älterer Iraner auf ihn zugekommen, habe ihn äußerst freundlich gegrüßt und ihm die Hand entgegengestreckt. Er habe sie gerade ergreifen wollen, als er den Mann erkannte: Der, genau der, hatte ihn während seiner acht Jahre Haft unter dem Schah verhört und gefoltert, ausgepeitscht und gequält. (Und war ja nun auch im Exil, ein Handlanger des gestürzten Schah-Regimes auf der Flucht vor den Ajatollahs.)

H. verlor die Nerven, schrie und ging auf den Mann los. Erst Freunde und Polizei konnten die beiden trennen.

Als SAID das gehört hatte, rief er M. an, einen anderen Freund, der dabei war. Der bestätigte die Geschichte und erzählte den Rest, ich zitiere aus SAIDS Buch, das seit Jahrzehnten in meinem Büro im Regal steht:

Ich und einige ältere Freunde in Paris beschließen, mit dem Folterer zu reden, um herauszubekommen, warum er an diesem Begräbnis teilgenommen hat. Man verabredet sich in einem Café. Der Folterer erklärt, die Monarchisten hätten ihn aus ihrem Kreis ausgeschlossen und er kenne niemanden außer denen, die er aus dem Gefängnis kenne – und daß er sehr einsam sei.

Ein Folterknecht, der in seinem Alleinsein in der Fremde den Kontakt zu den von ihm Gepeinigten sucht, einfach, weil er sonst niemanden hat.

Was für eine Geschichte!

Jetzt lese ich Ein vibrierendes Kind, ein nachgelassener Roman, der vor vier Jahren erschien. Ich lese aus Interesse, aus Respekt vor dem Mann, und weil ich mehr verstehen will von den Menschen in dem Land, das gerade jeden Tag in der Zeitung steht. Und weil es ein schönes, zartes, weises, liebevolles Buch ist über ein Land und die Menschen dort, die sich endlich ihre Freiheit verdient und sie doch immer noch nicht bekommen haben. 

AUA!

Im März ist übrigens nun das Taschenbuch von AUA! Die Geschichte meines Körperserschienen, gerade dieser Tage war es in der Post. Kostet 14 Euro. 

Das Hardcover für 20 Euro gibt es natürlich immer noch, auch das E-Book für 11,99 Euro und übrigens direkt beim Verlag auch immer noch signierte Exemplare des Hardcovers.

ARBEIT UND KAFFEE


In meinem Buch Alle Jahre schon wieder, einem Weihnachtsbuch, gibt es eine Geschichte über einen Handelsvertreter, der in meinem Elternhaus als Untermieter lebte.

In den Jahren, bevor mein jüngster Bruder zur Welt kam, wurde ein Zimmer unseres Hauses, jenes Zimmer nämlich, in dem später mein Bruder seine ersten Jahre verbringen sollte, an einen Handelsvertreter vermietet. Er hieß Volland und war Vertreter für Kaffee, den er in größeren Mengen in unserem Keller lagerte, um ihn bei seinen Reisen mit sich führen zu können.

Dieser Keller und auch das Vollandsche Zimmer, ja, bisweilen unser ganzes Haus rochen deshalb nach Kaffee. Bis heute liebe ich den Geruch von Kaffee, manchmal bleibe ich vor Kaffeegeschäften stehen, nur um zu schnuppern, vielleicht hat diese Kaffeegeruchvorliebe auch mit jenem Volland zu tun, der ein lebensfroher junger Mann war.

Tatsächlich hat sich diese Liebe zum Kaffee und seinem Geruch bis heute gehalten. Ich rieche und trinke jeden Tag Kaffee. Brauche ich ihn? Na klar, er ist eine Art Betriebsmittel für mich.
War es Friedrich Torberg oder Alfred Polgar, der sinngemäß gesagt hat: Gesundheit hin oder her, ohne Kaffee könne er nun mal nicht schreiben, und er lebe aber vom Schreiben, also sei der Kaffee zentral für ihn?

Sehe ich auch so.

Keine Maschine läuft ohne Energie, keiner meiner Texte ist ohne Kaffee entstanden, die Zubereitung einer Tasse gehört Tag für Tag zu meinem Vorbereitungsritual im Büro. Balzac übrigens soll während der Arbeit an der Comédie humaine fünfzig Tassen täglich getrunken haben. Er wurde auch nur 51 Jahre alt und war ab dem 44. Jahr eigentlich immerzu krank. Dafür jedoch hat sich eine Kaffeefirma nach ihm benannt, er hat’s geschafft.

Wobei vor einigen Jahren eine Studie der British Heart Foundation ergab, selbst 25 Tassen Kaffee am Tag hätten keine Auswirkungen auf die Blutgefäße, was jene Annahmen widerlegte, mit denen viele von uns noch groß geworden sind: zu viel Koffein lasse die Arterien verkalken und erhöhe so den Druck aufs Herz.

Wieder ein paar Sorgen, die wir uns jahrzehntelang umsonst gemacht haben.

Jedenfalls konnte ich nicht widerstehen, als Hanspeter Hagen mich nach meiner Lesung in Heilbronn in sein Kaffeehaus einlud, das sich wider Erwarten nicht im Zentrum, sondern am Rand in einer Mischung aus Industriegebiet und sozial schwachem Wohnareal befindet, in schön restaurierten alten Industriegebäuden. Hawaii nennen die Heilbronner seltsamerweise die Gegend, bei Hanser Berlin ist ein gleichnamiger Roman von Cihan Acar erschienen, der hier spielt.

Dort wird der Kaffee geröstet, dort kann man ihn kaufen, dort kann man ihn auch gleich trinken, ein Beispiel dafür, wie mittelständische Unternehmen sich mit ihrer Qualität und Leidenschaft gegen die großen Kaffeekonzerne behaupten können.

Ich bin ein leicht zu begeisternder Mensch, und mich begeistert so etwas.

Hagens Vater Willy gründete den Betrieb 1934, der Sohn Hanspeter führte ihn weiter und machte ihn größer, die Tochter Antonia gehört heute ebenfalls zur Geschäftsführung. Und ich stand mit Hagen zusammen neben den Säcken voll Rohkaffee, den Maschinen, in denen der Kaffee behut- und langsam geröstet wird – und roch und schnüffelte.

Tatsächlich entzündeten die zwei, drei Stunden, die ich am Tag nach der Lesung in Hagens Haus verbrachte, eine Euphorie in mir: Die Hagens machen ja nicht nur sehr guten Kaffee, sie engagieren sich auch so, wie gute Unternehmer es tun sollten. Hanspeter Hagens Frau Sibylle Mösse-Hagen war lange Zeit Fraktionsvorsitzende der SPD im Heilbronner Stadtrat. Und im Café gibt es einmal im Monat Politik, Kultur und Diskussion in einer Reihe namens Wehret den Anfängen. Im April geht es um die Einschüchterungsklagen, mit denen immer öfter Journalisten zum Schweigen gebracht werden sollen. Im Mai spricht Jean Asselborn, der frühere luxemburgische Außenminister, über ein Europa der Toleranz.

Solche Leser habe ich! Ich kann ohne sie ebenso wenig leben wie ohne Kaffee.

DAS MALIBUCHREGAL


Frau R. war in einem Möbelhaus und wunderte sich dort über die Dekoration. Natürlich gehören in ein Bücherregal Bücher, also ist verständlich, dass man für den Fall, dass ein Kunde ein Bücherregal nicht gleich als solches erkennt, einfach Bücher hineinstellt. 

Aber immer das gleiche? „Was ist da passiert?“, fragt R. „Hat sich jemand bei den Bestellungen vertan und dreihundertmal Malibu von Leon de Winter gekauft? Das Buch stand nämlich auf vielen Regalborden … ich habe nicht durchgezählt. Der Roman ist ja durchaus gut, aber wenn ich ihn mehrmals lesen will, reicht doch trotzdem ein Exemplar. Eine Großfamilie, in der alle synchron lesen?“ So viele Fragen, auch die, ob der Dekorateur einfach keinen Bock hatte, lauter verschiedene Bücher auszusuchen. 

„Wie auch immer, die Verkaufszahlen für Herrn de Winter müssen deutlich gestiegen sein“, schreibt R.

LÜG, LOG, BETRÜG, BETROG


Leser B. war in Budapest und kam an einem Ministerium vorbei, dessen Name, von Deutschen gelesen, vorzüglich zu Orbáns korrupter Regierung passt, die HOFFENTLICH am 12. April ENDLICH abgewählt wird. Das BELÜGYMINISZTÉRIUM ist übrigens das Innenministerium, zuständig für Polizei, Immigration und Gefängnisse. Die KI erklärt das sprachlich so: Das Präfix bel- bedeutet „Innen-“ oder „inner-“. Es leitet sich vom ungarischen Wort belül (drinnen, innerhalb) ab. Ügy ist das ungarische Substantiv für „Angelegenheit“, „Sache“ oder „Geschäft“.

Und minisztérium? Na klar …

In diesem Zusammenhang schrieb mir Herr K. von einer sprachlichen Entdeckung am Rande: „lügen“ und „betrügen“ sind beides starke Verben und ändern ihren Stammvokal im Präteritum und Perfekt  auf „o“: Er lügt, er log, er hat gelogen. Er betrügt, er betrog, er hat betrogen. Gibt es andere starke Verben, bei denen sich ein ü so in ein o verwandelt?

Nein, oder?

Vielleicht ist das BELÜGYMINISZTÉRIUM ja schon im Mai, wenn die Wähler Orbán bestraft haben werden, nur noch ein BELOGYMINISZTÉRIUM?

DIE SPORTSKANONIN


Frau S. hat im Fernsehen die Olympischen Spiele verfolgt und dabei gehört, wie ein Reporter über eine skispringende Frau sagte, sie sei eine typisch finnische Sportskanonin. Man möchte dem Mann schreiben, die Kanone sei doch schon weiblich, aber es reichte ihm wohl nicht. Ich fragte mich, was dann ein finnischer Skispringer ist.

Ein Sportskanon? Sportskanonerich?

Mir fiel noch Friedrich Merz’ Parteitagsrede ein, die er, wenn ich mich nicht total verhört habe, mit den Worten Liebe Delegierte und Delegierte begann, was irgendwie sogar seine Richtigkeit hat, denn es heißt ja Der Delegierte und Die Delegierte, und beide wollen sich doch gemeint fühlen.

Skispringer heißt auf Finnisch übrigens mäkihyppääjä,Skispringerin auch, so lese ich. Das hat viel, wenn nicht alles, damit zu tun, dass mäki der Hügel ist und hyppy der Sprung, mäkihyppy das Skispringen. Das Training für einen Skisprung-Wettkampf nennt der Finne, aber auch die Finnin, gerne mäkihyppykilpailu harjoitukset.

Aber damit müssen Sie jetzt wirklich allein fertig werden.

LUIS MURSCHETZ


Am 11. März haben viele Freunde und Kollegen (unter denen auch ich sein durfte), den berühmten Zeichner Luis Murschetz auf dem Münchener Nordfriedhof zu Grabe getragen.
Er ist im Februar gestorben und 90 Jahre alt geworden. Viele kennen ihn von seinen Kinderbüchern, deren berühmtestes das vom Maulwurf Grabowski ist, ein Klassiker. Ich kannte ihn daneben als den Mann, der jahrzehntelang mit seinen Zeichnungen auf der Seite 1 das Gesicht der ZEIT prägte und noch länger jeden Samstag eine Karikatur auf der Meinungsseite der Süddeutschen Zeitung lieferte.

Seinen feinen, charmanten, unverwechselbaren Strich und seine Fähigkeit, unsere Zeit und ihre Ereignisse immer wieder auf den Punkt zu bringen, werde ich immer lieben.

Wunderbarerweise besitze ich einige seiner Zeichnungen, denn mir wurde die Ehre zuteil, dass er einige meiner Artikel damals noch in der SZ illustriert hat – und eine Zeichnung hat er mir zum 50. Geburtstag geschenkt, ich konnte mein Glück kaum fassen.

In seiner Trauerrede erwähnte Detlef Esslinger von der Süddeutschen Zeitung, eine kluge SZ-Redakteurin, Claudia Tieschky heißt sie, habe einmal gesagt, ihr gefalle besonders, dass in Murschetz’ Bildern alle möglichen Großen der Zeitgeschichte wie Kinder aussehen. Und ich mag es so, dass er sich selbst hier (ganz links) neben den drei Tenören auch wie ein solches Kind gezeichnet hat. Ich sehe die Zeichnung  jeden Tag von meinem Schreibtisch aus, und so wird Luis Murschetz hier weiterleben.

DIE LESUNGEN

Es gibt viele Gründe, Lesungen zu machen, vom Geldverdienen bis zum Spaß an der Sache, aber ein nicht ganz geringer Grund ist für mich auch, dass ich es in manchen Städten sehr genieße, meine morgendliche Laufrunde an besonders schönen und interessanten Orten zu haben – nicht immer nur an der Isar entlang im gleichen Trott. (Obwohl auch eine solche Routine etwas Schönes hat.) Ich liebe zum Beispiel in Bremen den Bürgerpark, in Hamburg die Alster, in Berlin das Tempelhofer Flughafengelände, in Mainz meine Strecke am Rhein entlang und in Bamberg den Trab an der Regnitz.

Und obwohl ich in Bayreuth schon sehr oft war, habe ich erst Ende Februar, nach meiner vorletzten Lesung des Winters, eine Strecke am Roten Main entdeckt, einem der beiden Quellflüsse des Mains. (Der andere ist der Weiße Main.) Von meinem Hotel in der Innenstadt aus war ich in ein paar Minuten am Rot-Main-Auen-Weg und freute mich an den Pfaden entlang des kleinen Flusses, an dem Biber ihre Dämme bauen und Wasseramseln leben.
Wussten Sie, dass dieses Tier der einzige einheimische Singvogel ist, der tauchen und schwimmen kann?

Ich erfuhr es von einer der zahlreichen Tafeln, die man hier aufgestellt hat, eine wunderbare Idee, die nur einen Nachteil hat: Man bleibt immer wieder stehen, um sie zu studieren, und läuft dann nicht.

Andererseits war ich deswegen eine gute halbe Stunde länger an der frischen Luft als sonst und kehrte erfrischt, belehrt und tatsächlich glücklich ins Hotel zurück.

Unter den neuen Terminen bitte ich, vor allem die in Wien und Freiburg zu beachten. Ich weiß nicht, wie oft ich um Besuche in diesen beiden Städten gebeten worden bin. Nun endlich klappt es.

2026
07.11. Wien, Rabenhof Theater
12.11. Berlin, Ernst-Reuter-Saal

09.12. Cuxhaven, EWE-Forum
10.12. Oldenburg, EWE-Forum Alte Fleiwa
11.12. Papenburg, Kleines Theater
12.12. Cloppenburg, Kulturbahnhof
27.12. München, Volkstheater


2027
08.01. München, Leo17
22.01. Freiburg, E-Werk
28.01. Leipzig, Kupfersaal

11.02. Köln, Gloria
12.02. Köln, Gloria
 
Noch mehr und detaillierte Informationen auf meiner Internetseite.

Die allerletzte Lesung für den Winter 2025/2026 fand im berühmten Hotel Waldhaus in Sils-Maria statt, in einem recht kleinen (letztlich zu kleinen, weil einige wieder gehen mussten) Saal, aber in der wunderbaren Atmosphäre dieses traditionsreichen Hauses.

Und natürlich habe ich auch hier meine Neben-Erlebnisse gehabt, Wandern im Val Fex oberhalb des Hotels zum Beispiel. Es war nicht viel los dort, kaum traf ich Menschen, eine Dame ging an mir vorbei, die mir später schrieb, ob ich das gewesen sei. Ja, ich war es, und habe gelernt: Leserinnen sind wirklich überall. Unterhalten habe ich mich letztlich nur mit einem alten weißen Mann, den es schon bald nicht mehr geben wird.




MEIN BUCH DES MONATS MÄRZ


Evan Osnos ist ein hervorragender amerikanischer Journalist, unter anderem seit zwanzig Jahren staff writer beim New Yorker. Für den hat er die Geschichten in diesem Buch auch geschrieben.

Alle Texte beschäftigen sich mit der fundamentalen Veränderung der amerikanischen Gesellschaft, die darin besteht, dass eine Kaste von Superreichen entstanden ist, die im Grunde kaum noch eine Verbindung zur normalen Welt hat, eigentlich auch kein Interesse mehr an ihr. Osnos schreibt über Menschen, die sich in den Bunkern, in denen früher Interkontinentalraketen steckten, riesige Wohnungen bauen, um hier den Weltuntergang (mit dem sie fest rechnen) überleben zu können.

Er porträtiert Mark Zuckerberg, der zu den zehn reichsten Menschen der Welt gehört. Deren Vermögen vermehrte sich 2025 um umgerechnet rund 450 Milliarden Euro, eine Summe, die fast zweieinhalbmal so groß ist wie der EU-Haushalt. (Wohlgemerkt: Wir reden nicht vom gesamten Vermögen, nur von dessen Zuwachs in einem Jahr.)

Er schreibt über die Welt gigantischer Yachten, in denen sich manchmal Hubschrauber-Hangars und mehrere Segelboote verbergen – nie hat der Bau dieser Schiffe mehr geboomt als jetzt.

Das alles sind keine Kuriositäten. Es geht um ein System, das instabil wird, ja, es längst ist. Der Unterschied des Durchschnittseinkommens des einen obersten Prozents der Amerikaner zu dem des ganzen Rests, so Osnos, sei ungefähr so groß wie zwischen dem durchschnittlichen Einkommen in den USA und dem im Kongo, einfach riesig. Entstanden ist eine Gesellschaft, die so kopflastig ist, dass sie jederzeit kippen kann und das wohl auch tun wird.

Denn – das lehren Geschichte und Soziologie – in Gesellschaften, die derart gespalten sind, entwickelt sich Gewalt in ungeheurem Ausmaß (wie man längst sieht). Und sie werden, wenn Eliten sich abschotten (wie sie es längst tun) und unempfindlich werden gegen die Not der Massen (wie sie es längst sind), komplett instabil.

Osnos hat brillant recherchiert und ebenso geschrieben. Nun müssen es viele lesen.

Evan Osnos, Yacht oder Nicht Yacht. Nachrichten aus der Welt der Ultrareichen. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. C.H. Beck, 20 Euro.

Noch ein PS: In der Buchwürdigung vom Februar (es ging um den Alltag eines chinesischen Paketboten) war hier vom 72-Stunden-Tag die Rede, wo doch die 72-Stunden-Woche gemeint war. Ein Fehler meinerseits, nur erklärlich durch die Tatsache, dass ich den Chinesen in ihrem Fleiß einfach alles zutraue.

FROHE OSTERN
Leser M. unternimmt mit seiner Frau gerne Tandemtouren – und wo kam er vorbei? Genau! Frohe Ostern für alle hier!

­
JUCHHÖH, JUCHHÖH!


Ach, und noch mal zurück zum ungarischen Ünnünmünüsterüüm: Hier sind ja nun schon wiederholt Orte gefeiert worden, die Juchhöh heißen, sechs davon gibt es in Deutschland.


Leser S. meldet sich dazu: „Falls Sie noch mal einen ausgefallenen Ortsnamen suchen: der Komponist Carl Loewe, der von den Balladen, z.B. vom Prinzen Eugen oder vom durchgeschwitzten Hemd („Ich hab es getragen sieben Jahr“), stammt aus dem Örtchen Löbejün im Saalekreis. Meines Wissens kommt es selten vor, dass in einem Wort sowohl ein ö als auch ein ü vorkommen. Aber vielleicht hält einer unserer schönen Dialekte auch noch ein Wort bereit, in dem zusätzlich noch ein ä vorkommt (Löbejünkäse?).“

Ich habe natürlich gleich mal nachgeschaut und drei Wörter gefunden.

Tränenüberströmt
Übergrößenträger
Ölüberschussländer

Sprechen Sie mir nach: Tränenüberströmt grüßten fünf Übergrößenträger aus den Ölüberschussländern.

Ach sö, nöch wös: Leser P. meldet sich aus Südhessen, wo es die Juhöhe gibt, eine kleine Siedlung im Odenwald. Man kann dort sehr gut wandern, unter anderem vom Parkplatz Hölzerne Hand aus, allein der Name ist ja eine Reise wert.
  
Nun aber tschüss!

­WAS SONST NOCH ZU SAGEN WÄRE
Für die Korrektur des Textes danke ich herzlich Ruth Keen. Und großen Dank, wie immer, an Michael Ruhe für das Aufsetzen und Vorbereiten aller für den Versand des Briefs aus dem Büronotwendigen Dinge. Ihn findet man unter https://ruhe-bitte.com/