Mitte Dezember entdeckte ich, dass auf Arte noch bis 18. Mai Shoah von Claude Lanzmann wieder gezeigt wird, jene neunstündige Dokumentation von 1985, die ein filmischer Meilenstein in der Auseinandersetzung mit der systematischen Vernichtung der Juden war und bleibt. Lanzmann (er starb 2018) wäre im November 100 Jahre alt geworden, das ist der Anlass, aber er ist natürlich nur oberflächlich, denn Anlässe, sich mit diesem Massenmord auseinanderzusetzen, gibt es im Moment wirklich genug.

Ich sah den Film wieder an, den ich 1985 nicht zur Gänze gesehen hatte, weil wir damals zwei kleine Kinder und viel Arbeit hatten, es war einfach nicht genug Zeit. Jetzt aber schon, und so sah ich all die Menschen, die sich erinnerten, und die Orte, an denen und an die sie sich erinnerten. Und gleichzeitig dachte ich an den 7. Oktober 2023 und an die unfassbare Grausamkeit der Morde, der Folter, der Verschleppung, an all die unleugbaren und unerträglichen, von den Killern oft selbst dokumentierten Details.

In meiner Kolumne hatte ich damals geschrieben: „Liege ich falsch, wenn ich eine gewisse Kälte fühle, mit der man in Deutschland auf das Massaker der Hamas in Israel reagiert?“ Und weiter: „Wo ist das simple spontane Mitgefühl, das in unserem Land doch sonst jederzeit abrufbar ist? Ja, der Bundespräsident hat eine Rede gehalten, ja, 10.000 Leute waren bei einer offiziellen Kundgebung anwesend, ja, sehr viele Menschen sind erschrocken, natürlich. Aber möglicherweise ist dies gerade das Bedrückende: dass dieses Offizielle schon alles ist, die Routine des Entsetzens.“

Seitdem ist viel geschehen, vor allem der grausame und nicht zu rechtfertigende Feldzug der israelischen Regierung in Gaza. Aber es ist auch etwas nicht geschehen. Jenes Mitgefühl hat sich bis heute nicht eingestellt, im Gegenteil. Es gibt Mitleid überall, mit den Palästinensern vor allem, aber nur sehr wenig, oft eigentlich gar keines mit den Israelis und den Juden in aller Welt.

Eva Illouz – die als Autorin populäre und gewiss zur Linken und zu den Gegnerinnen des Netanjahu-Regimes zählende Soziologin – beginnt ihren kleinen Essay Der 8. Oktober mit der Frage, wie es so weit hat kommen können: dass ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit wie das vom 7. Oktober die Menschen nicht mehr in einer moralischen Gemeinschaft des Mitgefühls zusammenbringe, ja, mehr noch, dass ein beträchtlicher Teil der sogenannten Linken „die Existenz dieser Gräueltaten geleugnet oder sie als Tat des ‚antikolonialen Widerstands‘ gefeiert“ habe. Und als sei dies noch nicht genug, habe diese Linke „die schockierten und leidtragenden Juden im Stich gelassen, ignoriert, stigmatisiert und einer vermeintlichen Urschuld, des israelischen Kolonialismus“ bezichtigt.

Dieses nicht immer ganz leicht zu lesende und doch lohnende Buch ist der Versuch einer Antwort auf Fragen, die sich mir seit mehr als zwei Jahren immer wieder stellen: Wie kann es sein, dass die Linke in großen Teilen schlicht und einfach leugnet, dass der Existenzzweck der Hamas in nichts anderem als dem Massenmord an Juden besteht? Wie ist es möglich, dass die Linke, deren Ursprung doch im Mitgefühl besteht, Israel zum Epizentrum des Bösen gemacht hat? Warum hat sie zu einer neuen Form „von sich tugendhaft gebendem Antisemitismus“ (Illouz) gefunden? Kurz: Wie konnte es zu diesem gigantischen moralischen Versagen so vieler kommen, die sich links nennen?

Und wie kann es sein, dass jemand, der Shoah gesehen hat oder es doch gesehen haben könnte, Israel als „koloniales Projekt“ sieht und nicht als das, was es ist oder doch sein sollte: ein Ort, an dem sich Juden sicher fühlen können, nachdem versucht wurde sie auszurotten?

Eva Illouz, Der 8. Oktober. Aus dem Französischen von Michael Adrian. Suhrkamp, 12 Euro.