Sie müssen wissen, dass ich literarisch kein sonderlich gebildeter Mensch bin. Ich bestaune oft Kolleginnen und Kollegen für ihr Wissen, ihre wie herbeigezauberten und hervorgeplauderten Kenntnisse, Zitate, Assoziationen. Es ist mir peinlich, dass ich kein einziges Ingeborg-Bachmann-Gedicht auswendig kann, na ja, peinlich … Mir ist eigentlich nichts mehr peinlich. Dazu bin ich zu alt und habe zu viel erlebt.
In meinem Lieblings-Buchladen lag Die Glasglocke in dieser neuen Ausgabe auf dem Tisch, so schön und passend illustriert von der jungen Französin Beya Rebaï. Natürlich hatte ich den Namen Sylvia Plath schon mal gehört, jedoch eher als den einer Lyrikerin, die sie in erster Linie ja auch war. Aber das war es auch schon. Doch hatte ich das Gefühl, es sei nun Zeit, mehr zu wissen, und dem ersten Satz hatte ich im Laden nicht widerstehen können.
Es war ein verrückter, schwüler Sommer, dieser Sommer, in dem die Rosenbergs auf den elektrischen Stuhl kamen und ich nicht wusste, was ich in New York eigentlich wollte.
Also nahm ich den Roman mit und las im Juli immer wieder darin, nicht in einem Zug alles durch, aber in vielen langen und tiefen Zügen.
Das Buch handelt von der Protagonistin Esther Greenwood. Wer mal einen Lebenslauf von Sylvia Plath gelesen hat (tun Sie das ruhig, bevor Sie sich an das Buch machen), ja, sogar, wer das nicht tat, weiß schnell: Es kann nicht anders sein, als dass es sich hier um eine autobiographische Geschichte handelt. Diese Zerrissenheit, dieses Versinken in Abgründen, dieses hyper-aufmerksame Spüren des Lebens, dieses so präzise wie farbenreiche Beschreiben, das pinzettengenaue Zertrennen der Schichten des Daseins, dieses Drama einer Hochbegabten – das alles gibt es ja nicht zweimal.
Sylvia Plath wurde 1932 in der Nähe von Boston geboren, sie starb 1963 in London durch Suizid. Die meisten ihrer Gedichte erschienen erst nach ihrem Tod, 1982 bekam sie posthum den Pulitzer-Preis für einen Band mit ihnen. Die Glasglocke kam erst in den 70er Jahre in den USA heraus, stand dann ein Jahr lang in den Bestsellerlisten und wurde, was man heute ein Kultbuch nennt. Es machte sie zu einer Ikone des Feminismus.
Esther Greenwood ist 19 Jahre alt, man hat sie mit Stipendien und Preisen überhäuft, sie arbeitet als Praktikantin bei einer Modezeitschrift in New York: Partys, Cocktails, Kaviar. Viele Wege, den junge Frauen wie sie gehen könnten, liegen vor ihr. Keiner ist ihrer. Sie wünscht sich ein eigenes Leben, aber sie findet es nicht. So bleibt ihr nichts, als die Risse in diesem Dasein zu beschreiben, die sich zu dunklen Schluchten weiten.
Und wie toll sie das tut!
Sie betritt mit ihrer Mutter eine psychiatrische Privatklinik.
Ich erkannte Männer und Frauen, auch Jungen und Mädchen, die so jung sein mussten wie ich, aber es war etwas Einförmiges in den Gesichtern all dieser Leute, als hätten sie unter Schichten vonfeinem, bleichem Staub, fern von jeglichem Sonnenlicht, lange auf einem Regal gelegen.
Sie schreibt über das Zusammensein mit Gleichaltrigen.
Das Zusammensein mit Jody, Mark und Cal ging mir langsam auf die Nerven, es lag wie ein taubes Stück Holz auf den Saiten eines Flügels.
Sie beschreibt die Zeit vor dem Abschied aus der Anstalt.
Mir fiel das Gesicht ein, das meine Mutter bei ihrem ersten und letzten Besuch in der Anstalt seit meinem zwanzigsten Geburtstag gemacht hatte, ein blasser, vorwurfsvoller Mond. Die Tochter in einer Anstalt! Das hatte ich ihr angetan.
Man sollte sich freuen auf dieses Buch und auch fürchten vor der Lektüre. Es ist beides, und anders geht es nicht. Wie das manchmal so ist in der Literatur.
Sylvia Plath, Die Glasglocke. Aus dem amerikanischen Englisch von Reinhard Kaiser. Illustriert von Beya Rebaï. Suhrkamp, 28 Euro.