PARIS, PARIS![]() Im Januar war ich in Paris, um mit meiner Familie meinen Geburtstag zu feiern. Als wir auf dem Friedhof Père-Lachaise spazieren gingen (unter anderem, um die Gräber von Oscar Wilde und Jim Morrison anzuschauen), entdeckte mein Sohn David auf einem Grabmal eingeritzt meinen Vornamen. So entstand dieses Foto, ein kleines Memento mori, das mich sehr amüsierte. Max (der gerade mit seiner Familie in Paris lebt) hatte eine Führung für uns in der Sainte-Chapelle organisiert, ein Ort, der uns in seiner Schönheit immer wieder fasziniert hat. Der Guide, der uns begleitete, zeigte auf den Ort, an dem der zur Zeit seiner Krönung erst zwölfjährige Ludwig IX. stets saß, später einer der großen Monarchen des Mittelalters. Heute hockte an genau jenem Platz ein alter Wärter, neben sich in der steinkalten Kirche einen Heizkörper. Als der Mann bemerkte, dass ich mich über diese Tatsache amüsierte, war er ein wenig eingeschnappt und sagte das auch meiner Frau, die es wiederum mir erzählte. Ich wollte mich dann später bei ihm entschuldigen und ihm erklären, dass ich es einfach schön fand, dass am Platz des Königs nun ein einfacher Bürger seinen Platz hatte, wie es der Französischen Republik doch auch gemäß sei. Aber da war er schon weg. ![]() Im übrigen kann ich von meinen Streifzügen durch die Stadt berichten, dass dort Streifen gerade sehr in Mode sind. Also, nicht Streifzüge, sondern Streifenzüge. ![]() ![]() ![]() BUCH UND KIND ![]() Frau D. schickte mir das Foto des Buches, das ihr liebenswürdiger kleiner Dackel zerkaut hatte, nun meldet sich Leserin A. – übrigens aus Brasilien – mit einem anderen Bild. Sie wolle sich einmal für die vielen, vielen Texte bedanken, die sie schon von mir gelesen habe, und weiter: „Nun ist meine Tochter fünf Monate alt, und fürs Lesen bleibt leider nicht mehr so viel Zeit wie früher … Oft lese ich ihr daher vor, was ich gerade so lese, wie zum Beispiel Ihr Buch Wie fühlst du dich? Das hat sehr gut geklappt, nur hat sie inzwischen Drehen und Greifen gelernt. Als Sie letztens ein Bild von dem Buch einer Leserin gepostet haben, das einem Hund zum Opfer gefallen ist, musste ich lachen … denn meine Ausgabe sieht fast so ähnlich aus, nachdem meine Tochter damit fertig war.“ OLYMPIA UND DER GEFÜHLSKLAU ![]() An diesem Sonntag gehen die Olympischen Winterspiele zu Ende. Als sie begannen, musste ich daran denken, dass ich selbst fünf Mal bei Olympia war, einmal (ganz am Anfang) als Sportreporter, dann für die Seite 3 der Süddeutschen Zeitung: im Winter 1984 in Sarajevo, 1988 in Calgary und 1994 in Lillehammer, im Sommer 1992 in Barcelona und 1996 in Atlanta. Jedes Mal waren es aufregende und aufreibende Wochen. 1984 sagte ich der Redaktion den Sieg des Amerikaners Bill Johnson im Abfahrtsrennen vorher und schrieb schon am Tag vor dem Wettbewerb ein Porträt. Man hielt mich für etwas seltsam, denn der Mann hatte bisher nur ein Weltcuprennen gewonnen (allerdings am Lauberhorn in Wengen). Aber er war, was daheim nicht jeder wusste, in allen Trainingsläufen vorne gewesen und ein Spezialist für eher flache Pisten, auf denen man locker auf den Skiern stehen und sie gut gleiten lassen muss. Johnson gewann. Mein Ruf als Ski-Experte war von da an unantastbar, was mir nicht sehr viel nützte, denn im Jahr darauf wechselte ich in die politische Redaktion. Johnson selbst stürzte der überragende Erfolg als erster US-Amerikaner, der auf Skiern olympisches Gold gewann, regelrecht ins Unglück. Er gewann nur zwei noch weitere Weltcup-Rennen in Aspen und Whistler, vertat sein Geld, verlor seinen drei Monate alten Sohn, als der in einem Whirlpool ertrank, wurde geschieden, war schließlich auch finanziell ruiniert und versuchte 2002 noch einmal verzweifelt, ins US-Team für Olympia zu kommen. Dabei stürzte er schwer, lag drei Wochen im Koma, war fortan auf die Hilfe seiner Mutter angewiesen und starb 2016 mit 55 Jahren. Übrigens war er Kalifornier und kam zum Skifahren nur, weil er als sehr junger Mann wegen Autodiebstahls vor Gericht stand und der Richter ihm die Wahl ließ, sechs Monate ins Gefängnis zu gehen oder auf einem Ski-Internat resozialisiert zu werden. War klar, was er wählte. Solche Storys werden im Sport geschrieben, auch deshalb war ich vier Jahre lang Sportreporter. Es gibt aber auch ganz andere Geschichten. Über eine von ihnen schrieb ich im Dezember 2024 meine Kolumne. Kurz zuvor waren die deutschen Biathleten Erik Lesser, Daniel Böhm, Arnd Peiffer und Simon Schempp (die Staffel 2014 bei Olympischen Spielen bei den Putin-Spielen in Sotschi) nachträglich zu Goldmedaillengewinnern erklärt worden. Denn der Russe Ustjugow, Mitglied der Staffel seines Landes, war nach zehn Jahren endgültig als Doper entlarvt worden, nach langwierigen Untersuchungen und immer neuen juristischen Finten des Täters. Wegen dieses Betrugs hatte man aber nun seiner Mannschaft den Sieg aberkannt. Jetzt, im Februar 2026, bekamen die vier Deutschen in Antholz endlich ihre Medaillen. ![]() In meiner Kolumne dachte ich darüber nach, wie es für einen Sportler ist, wenn sein Sieg erst zwölf Jahre später gewürdigt wird. Es machte mich wütend, wie Unehrlichkeit mich immer wütend macht, und ich möchte nicht vergessen, dass mehr als ein Viertel der Dopingtäterinnen und -täter aus Russland kommen. Allein deshalb, vor allem aber wegen des Krieges in der Ukraine, wäre es eine Schande, wenn Russland demnächst wieder eine offizielle Delegation zu Olympia schicken dürfte. Ich schrieb unter anderem: Auf alten Fotos sieht man die vier russischen Biathleten strahlend ihre Goldmedaillen in die Kameras halten. Es empört mich immer wieder, wenn ich so etwas sehe, denn es sind diese Momente, die den deutschen Biathleten gestohlen wurden. Unwiederholbare Augenblicke der Freude und der Leichtigkeit. Niemand empfindet das zwölf Jahre später so auf einem Podium. Es ist weg, für immer. Immer wieder hört man, im Leben komme es letzten Endes weniger auf greifbare Güter als auf das Erleben und den Moment an. Es sind nicht so sehr Medaillen, die bei Olympia gestohlen werden, sondern Gefühle. Man kann jemandem auch mit zwanzig zum Beispiel eine Ritterburg zu Weihnachten schenken, dieselbe Ritterburg, die er gern mit acht bekommen hätte. Aber mit zwanzig hat man einer Ritterburg gegenüber andere Gefühle als mit acht. Insofern kann man festhalten: Ritterburgen sind zum falschen Zeitpunkt noch sinnloser als Goldmedaillen. Ein seltsamer Gedanke: dass es Gefühlsdiebstahl gibt … Menschen eignen sich Emotionen an, die ihnen nicht gehören. Allerdings glaube ich, tief drinnen wissen sie, dass es nicht ihre Gefühle sind, die sie erleben. Jeder Betrüger weiß, dass er ein Betrüger ist, sonst wäre er keiner. Manche Olympiasieger haben ihre Medaillen verkauft, Erika Salumäe zum Beispiel, die estnische Bahnrad-Goldgewinnerin 1988 und 1992. Sie hat mit dem Geld eine Rücken-OP finanziert. Siegesgefühle sind ihr geblieben. Man kann sie nicht verkaufen und deshalb nicht kaufen. DIE LESUNGEN ![]() Zwei Lesungen noch, in Heilbronn und Bayreuth, dann ist Pause bis November. Ich habe schon viel erlebt, was solche Veranstaltungen angeht: von den kleinsten Anfängen vor drei, vier Leuten (von denen die Hälfte auch noch nahe Verwandte waren) in kleinen Buchhandlungen, wo ich dann gelegentlich auch noch auf dem Sofa des Ladeninhabers übernachtet habe. Über die superlustigen Abende mit unserem Freund Wumbaba, bei denen ich manchmal selbst auf der Bühne so lachen musste, dass ich Schwierigkeiten hatte weiterzumachen. Bis zu den heutigen heiteren Auftritte in rappelvollen Stadt- und Staatstheatern und auf sonstigen Bühnen, bei denen ich immer wieder eine Verbundenheit mit dem Publikum spüre, die mir in dieser Form und Intensität auch noch neu ist. Kürzlich stand in Hannover eine Dame mit rotgeweinten Augen vor mir, die sagte, ihrem Mann gehe es so schlecht und sie habe ihm in der vergangenen Zeit immer wieder aus AUA! Die Geschichte meines Körpers vorgelesen. Die atmosphärische Heiterkeit des Buches habe sie beide in dieser schweren Zeit gehalten – dafür wolle sie sich bedanken, deshalb sei sie gekommen. Wir standen eine Weile voreinander, ich fragte, ob es besser würde mit ihrem Mann. Nein, sagte sie, es werde nicht mehr besser, und so blieb mir nur zu sagen, ich freute mich, dass ich etwas beitragen konnte, um all das Schwere ein wenig leichter zu machen. Und dass ich ihr wünschte, sie werde das alles überstehen und auch wieder andere Tage erleben. 35 Jahre lang lese ich schon Menschen aus meinen Büchern vor, aber diese Zeit jetzt ist die intensivste, beste. Ich hätte nicht gedacht, dass mir als Autor einmal so etwas geschenkt würde. Übrigens: Zum ersten Mal nach langer Zeit, und weil so viele Leute immer wieder danach gefragt haben, gibt es im November wieder einmal eine Lesung in Wien. Und in Berlin werde ich wenig später einmal nicht im Schlosspark-Theater sein (das kommt dann aber auch noch), sondern erstmal und erstmals im Ernst-Reuter-Saal in Reinickendorf. 2026 23.02. Heilbronn, Theater 26.02. Bayreuth, Zentrum 07.11. Wien, Rabenhof Theater 12.11. Berlin, Ernst-Reuter-Saal 09.12. Cuxhaven, EWE-Forum 10.12. Oldenburg, EWE-Forum Alte Fleiwa 11.12. Papenburg, Kleines Theater 12.12. Cloppenburg, Kulturbahnhof 27.12. München, Volkstheater 2027 28.01. Leipzig, Kupfersaal 11.02. Köln, Gloria 12.02. Köln, Gloria Noch mehr und detaillierte Informationen auf meiner Internetseite. MEIN BUCH DES MONATS FEBRUAR ![]() Dieses Buch habe ich in dem famosen wöchentlichen Newsletter Der siebte Tag meines Kollegen Nils Minkmar entdeckt, der es wiederum in der englischen Version irgendwo zufällig gefunden hatte und fand, dass es einen interessanten Eindruck mache. Da hat er sich nicht getäuscht. Ich habe mir die deutsche Ausgabe sofort besorgt und gleich gelesen. Hu Anyan, der 1979 in Guangzhou zur Welt kam und seit fünf Jahren in Chengdu im Südwesten Chinas als Schriftsteller lebt, hangelte sich jahrzehntelang von Job zu Job in verschiedenen Städten, immer im Niedriglohnsektor und jeweils so lange, bis er sich angeödet und kaputt fühlte und einfach weiterzog. Zu Beginn des COVID-Lockdowns postete er seine Berichte über seine Arbeit als Pakete-Lieferant in Peking, sie fanden eine ungeheure Verbreitung. Daraus wurde ein Buch, das seinerseits in China ein Millionenseller war. Und nun steht es uns zur Verfügung. Ich habe schon seit einer Weile kein Buch mehr gelesen, das mich so in den Bann gezogen hat, allein schon, weil es zeigt, dass es fast kein anderes Medium als eben das Buch gibt, das uns so direkt und unverstellt am Alltag eines Menschen in einem fernen und den meisten von uns fremden Land (das aber nun eine Weltmacht ist) teilhaben lassen kann. Hu Anyan erzählt von seinen 72-Stunden-Tagen, von dem unentwegten Gerackere, dem einfachen Leben, dem Egoismus der Gesellschaft, aber auch ihrer Sehnsucht nach Zusammenhalt, vom täglichen Kampf ums Einkommen, von der Resignation und dem Umherziehen, der Einsamkeit in der Arbeit, die jeden Tag bestimmt, und der Suche nach Freiheit von dieser Arbeit, die ihm schließlich das Schreiben beschert, von der Unzufriedenheit und dem Groll all dieser Tage – aber auch davon, wie er sich davon befreite. Denn, so lautet der letzte Satz: „Je mehr Lebenserfahrung ich sammelte, desto klarer erkannte ich, dass ein Leben voller Groll nicht lebenswert ist.“ Hu Anyan, Ich fahr Pakete aus in Peking. Aus dem Chinesischen von Monika Li. Suhrkamp Nova, 23 Euro. TRANSPORTPROBLEME Heute wird ja praktisch alles vermietet, von Elektrorollern bis zu Wohnmobilen. Aber Transportprobleme vermieten? Das ist neu. (Dank an Leserin S. für das Bild!) ![]() JUCHHÖH, JUCHHÖH! Im Brief vom Januar hatte ich hier das von Herrn D. aus Halle eingeschickte Bild von der Ortschaft Juchhöh gezeigt, die zur Stadt Döbeln in Mittelsachsen gehört. Nun meldete sich Leserin J. mit dem Foto jenes Ortsschilds, das den Eingang zu jenem Juchhöh markiert, das sich im Saale-Orla-Kreis befindet. Dort, unweit des zu deutsch-deutscher Zeit geteilten Dorfes Mödlareuth (das heute immer noch halb in Bayern, halb in Thüringen liegt), befand sich einst der Grenzübergang Töpen-Juchhöh, wo, wie nun wieder Leser H. aus Karlsruhe anmerkt, „Agenten und sonstige Lichtscheue in beide Richtungen geschleust wurden“. Übrigens gibt es in Deutschland mindestens sechs Juchhöhs, wie ich herausgefunden habe. Bin mal gespannt, ob wir hier alle Ortsschilder zusammenbekommen. ![]() |
| WAS SONST NOCH ZU SAGEN WÄRE Für die Korrektur des Textes danke ich herzlich Ruth Keen. Und großen Dank, wie immer, an Michael Ruhe für das Aufsetzen und Vorbereiten aller für den Versand des Briefs aus dem Büronotwendigen Dinge. Ihn findet man unter https://ruhe-bitte.com/ |











