| Gustav Seibt gehört zu den Autoren, die ich bewundere und deren Texte ich lese, wann immer ich ihrer habhaft werden kann. Die Eleganz, mit er schreibt, sein profundes, wie selbstverständlich und ohne jede Attitüde abrufbares Wissen, die Heiterkeit seines Stils, das Überraschende und Originelle seiner Essays – über all das können Leserinnen und Leser der Süddeutschen Zeitung sich immer wieder freuen. Aber nicht nur die. Seibt schreibt Bücher, zuletzt dieses hier: Ein Sommer mit Goethe. Es orientiert sich, so habe ich erfahren, an einer Serie des französischen Radioprogramms France Inter, das seit 2012 regelmäßig Serien unter dem Titel Ein Sommer mit … produziert, Un été avec Montaigne, Proust, Baudelaire … – was für eine tolle Idee! Seibts Sommer-Goethe beginnt mit den schönen Sätzen: „Es ist keine Schande, Goethe nicht gelesen zu haben. Es ist nur schade, und man kann es ändern.“ Das ist programmatisch, denn so werden schon mal alle angesprochen, die von Goethe vielleicht nur den Satz Getretner Quark wird breit, nicht stark kannten und das auch noch für ein Bonmot von Heinz Erhardt hielten. Und was das Ändern angeht: Es beginnt ja schon mit diesem Buch, das keine weitere Goethe-Biographie ist, sondern sich in jedem der 50 (jeweils etwa fünfseitigen Kapitel) auf dessen Texte bezieht und an ihnen orientiert, dabei aber eben kein Vademecum „schöner Stellen“ ist, sondern etwas ganz anderes: die Zuwendung zu einem Autor, der sich mit Problemen des Lebens beschäftigte, die jede und jeder kennt, also mit Sex, Geld, Liebe, Krieg, Glauben, Geselligkeit, mit der Frage, wer man ist, wer man sein könnte und was man kann und wie man das erfährt. Und es hebt in alledem Goethes Fähigkeit zur Kürze, Prägnanz, Verdichtung hervor: „ein Autor“, schreibt Seibt, „bei dessen Lektüre einem Herz und Gedanken weit werden können“. So auch bei diesem Buch. Seibt empfiehlt eine halbe Stunde für jedes Kapitel, fürs Nachdenken und lesen, ohne Druck, mit Muße studieren, vielleicht gar mit lauter Stimme. Vielleicht habe ich zu schnell gelesen. Am besten, man nimmt sich nur ein Kapitel pro Tag vor, beschränkt sich. Ist mir nicht gelungen, weil es so viel Freude gemacht hat. Aber noch ist der Sommer nicht zu Ende. Seibt hat mal gesagt, seit zwanzig Jahren lese er jeden Tag etwas von Goethe, und sei es nur eine Seite. Seit ich das Buch gelesen habe, nehme ich es mir jeden Tag noch mal vor, und sei es nur ein Kapitel. Bis in den Herbst hinein. Gustav Seibt, Ein Sommer mit Goethe. C.H. Beck, 25 Euro. |