Dieses Buch habe ich in dem famosen wöchentlichen Newsletter Der siebte Tag meines Kollegen Nils Minkmar entdeckt, der es wiederum in der englischen Version irgendwo zufällig gefunden hatte und fand, dass es einen interessanten Eindruck mache.

Da hat er sich nicht getäuscht.

Ich habe mir die deutsche Ausgabe sofort besorgt und gleich gelesen. Hu Anyan, der 1979 in Guangzhou zur Welt kam und seit fünf Jahren in Chengdu im Südwesten Chinas als Schriftsteller lebt, hangelte sich jahrzehntelang von Job zu Job in verschiedenen Städten, immer im Niedriglohnsektor und jeweils so lange, bis er sich angeödet und kaputt fühlte und einfach weiterzog. Zu Beginn des COVID-Lockdowns postete er seine Berichte über seine Arbeit als Pakete-Lieferant in Peking, sie fanden eine ungeheure Verbreitung. Daraus wurde ein Buch, das seinerseits in China ein Millionenseller war.

Und nun steht es uns zur Verfügung. Ich habe schon seit einer Weile kein Buch mehr gelesen, das mich so in den Bann gezogen hat, allein schon, weil es zeigt, dass es fast kein anderes Medium als eben das Buch gibt, das uns so direkt und unverstellt am Alltag eines Menschen in einem fernen und den meisten von uns fremden Land (das aber nun eine Weltmacht ist) teilhaben lassen kann.

Hu Anyan erzählt von seinen 72-Stunden-Tagen, von dem unentwegten Gerackere, dem einfachen Leben, dem Egoismus der Gesellschaft, aber auch ihrer Sehnsucht nach Zusammenhalt, vom täglichen Kampf ums Einkommen, von der Resignation und dem Umherziehen, der Einsamkeit in der Arbeit, die jeden Tag bestimmt, und der Suche nach Freiheit von dieser Arbeit, die ihm schließlich das Schreiben beschert, von der Unzufriedenheit und dem Groll all dieser Tage – aber auch davon, wie er sich davon befreite.
Denn, so lautet der letzte Satz: „Je mehr Lebenserfahrung ich sammelte, desto klarer erkannte ich, dass ein Leben voller Groll nicht lebenswert ist.“

Hu Anyan, Ich fahr Pakete aus in Peking. Aus dem Chinesischen von Monika Li. Suhrkamp Nova, 23 Euro.