Die Tage, die ich mit Gott verbrachte

Am nächsten Tag geschah folgendes: Um zu arbeiten, ging ich wie gewöhnlich morgens in mein kleines Büro, das sich nicht weit von unserer Wohnung entfernt befindet. Aber es handelte sich um einen von diesen Tagen, an denen es nicht voran ging mit meiner Arbeit. Ich saß an meinem Schreibtisch, dann stand ich wieder auf, setzte mich wieder hin, stand erneut auf und betrachtete die kleine Standuhr, die mein Vater mir vererbte, und die nun, so viele Jahre nach seinem Tod, in meinem Regal stand, stumm und still, denn ich zog sie nie auf.

Ich verfiel in jenes ziellose, sich im Kreis drehende Grübeln, das ich von meinem Vater ebenso geerbt habe wie diese Uhr, und als ich nicht mehr weiter wusste, schnappte ich mir meinen Büro-Elefanten und ging mit ihm spazieren. Gleich beim Büro um die Ecke befindet sich ein sehr alter Friedhof, auf dem viele berühmte Menschen begraben sind, solche, die in ihrem Leben etwas getan haben, das sie anderen Menschen unvergesslich macht, so unvergesslich, dass man Straßen, Plätze und Schulen nach ihnen benannt hat. Und dass man ihnen eben einen eigenen Friedhof einrichtete, als Gedächtnisstütze sozusagen. Denn manchmal vergessen die Menschen, dass ihnen etwas unvergesslich ist – und dann helfen ein Friedhof oder auch eine Straße, ein Platz oder eine Schule enorm, sich des Unvergesslichen zu erinnern.

Auf diesem Gottesacker gehe ich gerne mit dem Büro-Elefanten spazieren. Dieser Büro-Elefant ist ein besonderes Tier, ungefähr 25 Zentimeter groß. Er jagt dann den Eichhörnchen und den Ratten nach, und seit ich ihm einmal ein Elefantenbuch vorgelesen habe, in dem es hieß, eine Elefantenherde sei geräuschvoll durch den Dschungel gebrochen, bricht er stets geräuschvoll durch das hohe Gras zwischen den alten Gräbern, um die Hunde zu erschrecken. Sie schleichen feige an den Leinen ihrer Besitzer über die Wege, wie es Vorschrift ist und wie es auf den Schildern steht, auf denen das Anleinen von Büro-Elefanten vorzuschreiben vergessen worden ist.

Vor dem Grab eines berühmten Zoologen verweilt er immer still.

 

An diesem so zergrübelten Tag nun (bald nach der erwähnten Zugreise, wie gesagt) setzte ich mich, nach einer Weile des Dahingehens, Durchsgrasbrechens und Hundeerschreckens, auf eine Bank. Diese Bank steht vor der Wand eines großen Hauses, das direkt an den Friedhof grenzt. Der Büro-Elefant legte sich unter die Bank, und so saßen und lagen wir da, als sich ans andere Ende der Bank ein Mann setzte, den ich nicht kannte, aber schon oft im Viertel gesehen hatte, ein alter Herr.

Wie selten man das heute sagt, nicht wahr? Ein alter Herr.

Liegt es daran, dass es immer weniger alte Herren gibt? Oder dass einfach niemand mehr alt sein will? Oder dass das Wort „Herr“ so unbeliebt geworden ist, weil …

Mann, ich weiß es doch auch nicht!

Jedenfalls lag etwas Soigniertes, aber nicht übermäßig Korrektes in seiner Erscheinung: ein schmales, scharf konturiertes Gesicht, die weißen, immer noch vollen Haare vielleicht einen Tick zu lang, ein müder Zug um die (doch wachen) Augen, dazu ein älterer grauer Wollmantel, für den es im Moment fast ein wenig zu warm war hier draußen.

Er sagte nichts, und ich sagte nichts. Aber jemand anders sagte etwas, denn aus einem offenen Fenster hinter und über uns hörten wir plötzlich Stimmen von Menschen, die sich stritten, eine Frau und ein Mann, so ist es ja meistens. Die Stimmen wurden lauter, man verstand trotzdem nicht, was die Leute riefen, obwohl das Fenster offen war. Es rumpelte und krachte – und dann stand der alte Mann mit einem Mal, wie meine Großmutter gesagt hätte, also plötzlich stand er auf, ging rasch auf meine Seite und schubste mich mit einer überraschend kräftigen Bewegung von der Bank ins Gras, um dann selbst zur Seite zu treten, worauf man natürlich, um es vorsichtig auszudrücken, verdutzt reagiert hätte, ich, liegend, aber gar keine Zeit zur Verdutzung hatte. Denn kaum war ich geschubst worden, sauste auf die Stelle, die eben noch mein Sitzplatz gewesen war, eine großer, schwerer Globus nieder, dessen Glas auf dem Holz der Bank krachend zersplitterte und dessen metallener Fuß eine große Delle ins Bankholz schlug.

Oben am Fenster tauchte, wie ich aus dem Augenwinkel sah, kurz ein Frauengesicht auf, dann hörte ich die wohl zu diesem Frauengesicht gehörende Stimme „Verpiss dich, sonst fliegt dein restlicher Scheiß auch noch da runter!“ rufen, dann knallte eine Tür, dann schloss sich das Fenster klappernd.

Dann war Ruhe.

Und der alte Herr, ohne den ich das Opfer einer Auseinandersetzung geworden wäre, mit der ich nicht das Geringste zu tun gehabt hatte, und ohne den ich, von einer Weltkugel erschlagen, an diesem Ort gestorben wäre, bevor ich überhaupt nur annähernd so berühmt hätte werden können, wie man berühmt gewesen sein muss, um auf dem Friedhof der Berühmten begraben zu werden: Dieser alte Herr also verschwand durch die einige Meter entfernte, große geschmiedete alte Tür in der Friedhofsmauer, ohne sich um mich zu kümmern und ohne sich noch ein einziges Mal umzudrehen.

 

Aus: Die Tage, die ich mit Gott verbrachte, Verlag Antje Kunstmann, Erscheinungstermin 14. September