Über Populismus

»Irgendetwas«, sagt mein Freund, »triggert dieser Populismus ja auch in einem.«

»Wie meinst du das?«

»Erdoğan zum Beispiel«, sagt er, »auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen vor dem Referendum über seine Verfassungsänderung: Er beschuldigte Deutschland irgendwelcher Nazi-Praktiken und schwor den Holländern Rache dafür, dass sie eine seiner Ministerinnen ausgewiesen hatten. Man bekam da so eine Wut, man kehrte zurück zu seinen atavistischen Ursprüngen und dachte sich so was wie: dieser Scheißkerl, dem müsste man jetzt mal eins draufhauen! Ganz gegen das eigene Wissen, dass man das nicht tun sollte und es keinen Sinn hat, mit den gleichen Mitteln zu antworten.«

»Dies und jenes war aber auch ganz lustig«, sage ich. »In der Türkei haben sie eine französische Flagge ­verbrannt, weil sie die mit der niederländischen verwechselt hatten, beide sind ja blau-weiß-rot, nur ist die eine längs und die andere quer gestreift. Und bei einer anti-niederländischen Demonstration in Istanbul trugen sie Fotos des damaligen französischen Präsidenten Hollande mit sich herum, sie hatten wohl ›Holland‹ gegoogelt, und waren dabei auf Hollande gestoßen. Wie soll man sonst erklären, was sie mit dessen Foto wollten?«

»Humor ist eine äußerst kultivierte Reaktion«, sagt mein Freund. »Aber tief in uns haust das Unzivili­sierte.«

»Ich weiß gar nicht, ob es so tief ist«, sage ich. »Denk an den alten Satz vom dünnen Firnis der Zivilisation. Der ist, wie man sieht, in diesen Zeiten schadhaft geworden.«

»Der Mensch«, sagt mein Freund, »hat etwas außerordentlich Primitives bisweilen, man sieht das beim Fußball. Und man sieht es in der Politik.«

»Das ist schon richtig«, sage ich, »aber Fußball ist ­Ritualisierung, Beschränkung auf den Platz, Begrenzung durch das Stadion, er zeigt, was tief in uns steckt und immer stecken wird, und gibt uns die Möglichkeit, es auszuleben und vielleicht auch zu verstehen. Der Fußball ist gerade der Beweis dafür, dass die Menschheit es ungeheuer weit geschafft hat: Zehntausende, die sich gegenseitig nicht besonders gut leiden können, weil sie Fans gegnerischer Vereine sind, Zehntausende feindseliger Menschen also sind in der Lage, sich in einem Stadion zu treffen, ohne dass es nachher Tote gibt, in der Regel jedenfalls. Das ist fantastisch, wenn man sich überlegt, woher wir kommen. Andererseits hilft der Sport uns, nicht zu vergessen: Der Mensch entkommt seinen Gefühlen und Instinkten und grundlegenden Bedürfnissen nicht.«

»Hast du nicht am Anfang des Buchs lauter gegenteilige Beispiele aufgeführt«, sagt mein Freund.

»Ja, weil sich eben etwas zu ändern beginnt. Vieles wird roher, verrohter. Eigentlich war der Fußball schon mal besser.«

»Gib mir ein anderes Beispiel«, sagt mein Freund.

»Nehmen wir etwas Alltägliches«, sage ich. »Du suchst mit deinem Auto einen Parkplatz, schon längere Zeit, und dann findest du einen, und jemand anders nimmt ihn dir in letzter Sekunde weg. Was dann stattfindet, ist Revierkampf wie unter Tieren, und du stehst vor der Wahl, dich darauf einzulassen, dich aufzuführen wie ein wilder Eber, in dessen Areal ein anderer eingedrungen ist. Oder du beschließt, dass du auf diesem Niveau nicht leben willst, und fährst deiner Wege. So etwas findet ja nun wirklich immerzu statt. Ich hatte früher ein kleines Haus auf dem Lande, gleich neben einem Bauernhof, der oft Pensionsgäste hatte, und jedes Mal, wenn ich denen begegnete, erzählten sie mir als Erstes, wie oft sie hier schon Urlaub gemacht hätten, wie gut sie die Bauern kennen – reines Revierverhalten: ›Das hier ist mein Platz!‹, wollten sie sagen.«

»Was soll man tun?«

»Man lächelt. Oder erzählt, wie viel länger man schon hier wohnt, und versucht zu gewinnen. Ist mir aber eigentlich zu anstrengend. Und zu doof. Denk an den Satz von Mark Twain: Never argue … Ich habe übrigens gerade Der Kosmopolit von Kwame Anthony ­Appiah gelesen, das ist ein in London geborener, in Ghana aufgewachsener und in New York lehrender Philosoph …«

»Mann, wie großartig ist doch die Möglichkeit solcher Lebensläufe!«, ruft mein Freund. »Die uns von Erfahrungen profitieren lassen, die wir niemals machen könnten!«

»Appiah hat – genau wie Yuval Harari – geschrieben«, sage ich, ziehe das Buch aus der Tasche und blättere darin, »dass unsere Ahnen während des größten Teils der Menschheitsgeschichte an einem normalen Tag nur Menschen sahen, ›die sie schon ihr Leben lang kannten‹, was den Umgang mit ihnen berechenbar und vertraut machte. Und das sei nun mal über Jahrtausende die Welt gewesen, ›die uns geprägt und in der unsere Natur sich herausgebildet hat‹. Es sei also noch nicht so lange her, dass wir gelernt hätten, ›wie man auf engstem Raum in einer Gesellschaft zusammenlebt, in der man die meisten Menschen nicht kennt, auch wenn man dieselbe Sprache spricht, dieselben Gesetze befolgt und ähnliche Dinge auf den Tisch bringt‹. Und eben das zeige, worum es gehe. Die Herausforderung, so Appiah, ›besteht darin, das über Jahrtausende eines Lebens in kleinen, lokalen Gruppen geformte Denken und Fühlen mit Ideen und Institutionen auszustatten, die uns ein Zusammenleben in dem globalen Stamm erlauben, zu dem wir geworden sind.‹ Man sieht: Unsere ganze Zivilisation ist ein ständiges Andenken gegen alles Mögliche, das in uns rumort, gegen unsere Prägungen, unsere Instinkte, unsere Automatismen.«

»War das nicht der Gedanke der Aufklärung?«, sagt mein Freund. »Seinen Verstand zu benutzen?«

»›Ohne Anleitung eines anderen‹, hat Kant geschrieben, glaube ich. Aber seinen Verstand zu benutzen heißt wahrscheinlich auch, zu verstehen, dass der Mensch ein Gefühlswesen ist und es Situationen gibt, in denen er aufhört, seinen Verstand zu benutzen, und einfach zurückfällt in atavistisches Empfinden: Alles Fremde soll weg, zum Beispiel. Das ist ja wohl, was Alexander Kluge meinte: dass die entscheidenden Organe des Menschen am Zwerchfell festgemacht sind.«

»Und dann, was hilft dann?«, fragt mein Freund.

»Wann?«

»Wenn jemand schreit: Alles Fremde muss weg.«

»Natürlich ist man empört.«

»Was hilft?, war aber die Frage.«

»Jedenfalls wahrscheinlich gerade nicht, seinen eigenen Impulsen zu folgen und auch zu schreien, sich zu empören. Was soll aus Geschrei, aus Empörung anderes werden als genau jene Feindseligkeit, die sich jene herbeisehnen, die eben nur mit Feindseligkeit umgehen können? Als Anders Breivik in Norwegen 77 Menschen ermordet hatte, reagierte der norwegische ­Ministerpräsident Stoltenberg mit einer positiven Vision: mehr Freiheit, mehr Demokratie, mehr Gemeinschaft. Als in Deutschland die AfD auftauchte und rechtsradikale Politiker wie Gauland oder Höcke die Gesellschaft unentwegt und systematisch mit ihren Reden provozierten, sprangen wir anfangs über jedes Stöckchen, das sie uns hinhielten, und regten uns auf über jeden ihrer dummen, stichelnden, rassistischen Sätze; besser wurde das erst, als sich die Gesellschaft über ihre eigenen Ziele klar wurde, als Bewegungen wie En Marche in Frankreich oder Pulse of Europe bei uns auftauchten. Es geht darum: Was will ich eigentlich selbst? Man muss eine Haltung haben, man muss sie sich erarbeiten. Und es hilft reden. Es hilft der Versuch, zu überzeugen. Das hört nie auf, verstehst du? Und vielleicht heißt, seinen Verstand zu gebrauchen: zu verstehen, dass der andere seine Gründe hat, warum er sich verhält, wie er sich verhält, und versuchen, diese Gründe zu verstehen.«

»Also reden, reden hilft immer?«

»Immer.«

 

Aus: „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“ Verlag Antje Kunstmann 2017.