Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen

Über das Anständigsein habe ich, ehrlich gesagt, nie besonders nachgedacht, es war mir immer etwas selbstverständlich Gutes. Anständig zu sein, bedeutet, so fand ich, Rücksicht auf andere zu nehmen, und zwar auch dann, wenn einem gerade nicht unbedingt danach zumute ist, also: in der Trambahn für ältere Menschen aufzustehen, auch wenn man selbst ein wenig müde ist; einen kranken Freund zu besuchen, auch wenn man eigentlich keine Zeit hat; sich in einer Schlange nicht vorzudrängeln, auch wenn man es eilig hat; eine Beerdigung zu besuchen, um den Hinterbliebenen beizustehen, auch wenn man dazu gerade keine Lust hat  …

Einfache Dinge, zunächst einmal, zum Beispiel.

Sich nicht selbst in den Vordergrund zu stellen, sondern zu bedenken, dass andere Menschen nicht weniger Rechte im Alltag und im Leben haben als ich. Nicht zu vergessen, dass vieles, was ich tue, Rückwirkungen auf andere hat. Deshalb gehören der Freund und sein Bier auch mitten in dieses Thema hinein: Weil es für mich zum Begriff des Anstands gehört, nach Möglichkeit zu bedenken, welche Folgen das eigene Verhalten für andere haben kann.

Nicht, dass ich diesen Ansprüchen genügt hätte, davon kann keine Rede sein. Kein Mensch ist immer auf der Höhe seiner eigenen Leitlinien, ich schon gar nicht. Manchmal erreicht man nie das Niveau, auf dem man gerne wäre. Darum geht es hier auch gar nicht.

Aber ich empfand es doch als großes Lob, wenn man über einen anderen sagte: ein anständiger Kerl. Offen gestanden glaubte ich, dass die meisten Menschen ein Gefühl dafür in sich tragen: einen Sinn dafür, wie es ist, nicht allein auf der Welt zu sein, und was man dafür tun muss, dass man vernünftig mit anderen zusammenlebt.

Ich glaube es immer noch.

Aber es gibt ein paar Zweifel.

Denn es schwappt ja seit einer Weile nicht nur eine Woge von Anstandslosigkeit um die Welt, sondern ein ganzer Ozean tobt. Wir leben, dies nur mal als erstes Beispiel, in einer Welt, in der ein Verlust jedes menschlichen Anstands einen Mann nicht daran gehindert hat, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden. Sondern in der gerade diese Zurschaustellung der eigenen Niedertracht ihm den Weg in dieses Amt sogar geebnet zu haben scheint.

Man muss nicht all die Widerwärtigkeiten wiederholen, die Donald Trump schon von sich gegeben hat, das sind ein paar zu viele, und es reicht vielleicht, ja, es reicht ganz sicher, wie Meryl Streep es gleich zu Beginn des Jahres 2017 bei der Verleihung der Golden Globes in Los Angeles getan hat, eine einzige in Erinnerung zu rufen, die für alle anderen steht: wie Mister Trump vor Publikum einen kranken und deshalb körperlich behinderten Journalisten nachäffte. Es habe ihr Herz gebrochen, als sie das gesehen habe, sagte Streep, „und ich kann es immer noch nicht aus meinem Kopf bekommen“.

Und wir leben auch sonst inzwischen mit vielem, das eigentlich unerträglich ist.

Der sogenannte Shitstorm, den mancher Prominente nach vielleicht nicht besonders klugen und jedenfalls voreiligen Äußerungen über sich ergehen lassen muss, ist ein Ereignis, das uns noch vor gar nicht langer Zeit geradezu sprachlos vor Entsetzen machte. Der Ton, der in vielen Internetforen herrscht, die Beleidigungen und Lügen, die dort Alltag geworden sind – man hat sich schon daran gewöhnt. Jeder, der auch nur ein wenig älter ist, erinnert sich an heftigste, rabiateste politische Diskussionen aller Art, in denen auch die Grenzen dessen überschritten wurden, was ich Anstand zu nennen mir angewöhnt hatte.

Aber niemals, nicht einmal annäherungsweise, in diesem Maß.

Und was ist mit diesem unbegreiflichen Ausmaß von Schäbigkeit, das wir auf unseren Straßen sehen, mit den Leuten zum Beispiel, die im Jahr 2015 ungestraft einen Galgen für Angela Merkel und Sigmar Gabriel durch Dresden trugen?

Was ist mit dieser Geschichte hier?

Als im Frühjahr 2016 das Auto einer Familie aus Baden-Württemberg kurz vor dem Autobahnkreuz Nürnberg-Ost von einem Lkw mehr oder weniger zerquetscht wurde, waren die Mutter und drei kleine Kinder sofort tot, der Vater wurde schwer verletzt aus dem Wrack geschnitten. Die Autobahn war vier Stunden lang gesperrt, und als der Verkehr auf einer Spur wieder frei gegeben wurde, beobachtete die Polizei, wie viele Fahrer äußerst langsam an der Unfallstelle vorbeifuhren, um mit ihren Handys die Unfallstelle zu filmen. Ganz Ähnliches geschah im Mai 2017 auf der A 6 nach einer Unfallserie: Autofahrer stiegen auf der Autobahn aus ihren Autos, schlossen sie ab, und gingen zur Unfallstelle, um dort zu filmen. Ihre abgesperrten Wagen versperrten derweil Rettern den Weg.

Oder was ist mit dem jüngeren, gut angezogenen Mann, der mit seinem großen Auto um die Ecke biegt, haarscharf an einer Mutter (eine gute Bekannte von mir) mit ihren zwei Kindern vorbei, die an einem Zebrastreifen bei Grün über die Straße gehen – und der, als die Mutter auf die für sie grüne Ampel zeigt, die Scheibe herunterlässt und sagt: „Halt’s Maul, Schlampe!“

Gewiss, das kann man nicht alles in einen Topf werfen, Menschen mit miserablen Umgangsformen und Rohlinge aller Art hat es schon immer gegeben, wird es auch immer geben.

Aber es ist doch im Moment so, dass fast jeder eine solche Geschichte zu erzählen hat, und das könnten am Ende zu viele Geschichten dieser Art sein, nicht wahr? Und die Frage wäre: Warum brechen sich solche Dinge Bahn in einer so reichen Gesellschaft wie unserer? Würde man solchen Zivilisationsverlust nicht in Zeiten der Not und des Überlebenskampfes erwarten? Was drängt da nach oben, ausgerechnet in unserer Zeit?

Das ist alles erst mal nur so ein Gefühl, mit dem wir uns näher beschäftigen wollen.

Aus: Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen. Verlag Antje Kunstmann 2017.